Die russische Armee wirbt immer weniger Freiwillige an. Nach Angaben der unabhängigen Medien iStories und Verstka ist die Zahl der Vertragssoldaten im Frühjahr 2024 um mehr als ein Drittel im Vergleich zum gleichen Zeitraum 2023 gesunken. Genau dieses Defizit, nicht eine strategische Absicht, steht hinter den Gesprächen über eine allgemeine Mobilisierung nach den Dumawahlen vom 18.–20. September.
Verteidigung, kein Angriff
Der Militärexperte Alexander Kowalenko hält die in den Medien aktiv diskutierte Zahl von einer Million neuer Kämpfer für unrealistisch. Ein realistisches Szenario wären 500–600 Tausend Mobilisierte, und ihre Funktion wäre grundlegend anders als 2022.
«Wir müssen das Zeitfenster nutzen und unsere Position im Kriegsschauplatz so sehr wie möglich verbessern, bevor sie dieses zusätzliche ‚Kanonenfutter' bekommen.»
Alexander Kowalenko, Militärexperte, in einem Kommentar für UNN
Die Logik ist einfach: Eine Armee, die nach Schätzungen der BBC basierend auf offenen Quellen zwischen 130 und 180 Tausend Tote und etwa 290 Tausend Schwerverwundete erlitten hat, benötigt vor allem Verstärkungen, um die Linie zu halten – nicht für neue Offensivoperationen. Das ISW verzeichnet einen ähnlichen Trend: Die wirtschaftliche und personelle Krise könnte Putin zwingen, die Kriegsführungsweise zu ändern, um die Stabilität des Regimes zu bewahren.
Zwei Monate, die zählen
Nach Kowalenkos Einschätzung sind die zweite Augusthälfte – erste Oktoberhälfte das beste Zeitfenster für aktive Aktionen der ZSU: Die neu Mobilisierten werden noch nicht an der Front sein, und das Tempo der Kampfhandlungen ermöglicht es, Positionen zu wechseln. Wenn die Ukraine diese Zeit effektiv nutzt, wird selbst eine umfangreiche Verstärkung der russischen Armee ihr keinen taktischen Vorteil garantieren.
Quellen, die dem Kreml und den Sicherheitsstrukturen nahestehen, bestätigen: Die Entscheidung über eine Mobilisierung ist noch nicht endgültig getroffen, aber «Fahrpläne» werden bereits erarbeitet. Ein charakteristisches Detail – die Behörden werden nach denselben Angaben das Wort «Mobilisierung» vermeiden, um den politischen Schock von September 2022 nicht zu wiederholen.
Das Alter der Mobilisierung in der Ukraine: wo liegt die Grenze
Vor dem Hintergrund dieser Nachrichten ist in der Ukraine die Diskussion über eine Senkung des Wehrpflicht-Alters wieder aktualisiert worden. Kowalenko spricht sich dagegen aus:
- Junge Menschen im Alter von 18–24 Jahren können bereits jetzt einen freiwilligen Vertrag mit entsprechender finanzieller Unterstützung abschließen.
- Eine automatische rechtliche Senkung der Mobilisierungsgrenze ist angesichts der demografischen Folgen für das Land nach dem Krieg ein unerwünschter Schritt.
- Der Staat muss laut dem Experten nicht nur an die heutige Front denken, sondern auch daran, wer das Land wieder aufbauen wird.
Falls der Kreml tatsächlich eine Mobilisierung im Oktober ankündigt und sie offen nicht so nennt – wird der Schlüsselindikatorgeber nicht die offizielle Rhetorik sein, sondern das Tempo der Ankunft neuer Einheiten in den Donezk- und Saporischschja-Richtungen. Dort wird sichtbar, ob sich Kowalenkos Vorhersage eines defensiven und nicht offensiven Charakters dieser Verstärkung bewahrheitet.