Im Jahr 2024 verzeichnete die WHO 487 Anschläge auf Gesundheitseinrichtungen in der Ukraine — 12% mehr als im Vorjahr. Die Gesamtzahl der bestätigten Anschläge seit Beginn der vollständigen Invasion überschritt 2500. Etwa 80% davon entfallen auf Krankenhäuser, ambulante Kliniken und andere stationäre Einrichtungen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage „was tun, wenn wir getroffen werden" nicht mehr als theoretisches Problem.
Simulation statt Unterricht
Auf Initiative des UNICEF startete in der Ukraine ein Schulungsprogramm für medizinisches Personal, das sich von standardisiertem zivilen Schutz durch ein grundsätzliches Element unterscheidet: Im Szenario ist das Krankenhaus nicht einfach ein Gebäude neben einer Angriffszone, sondern ein direktes Angriffsziel. Die Teilnehmer trainieren ihre Maßnahmen im Moment der Warnsignale, während des Vorfalls selbst und in den ersten Minuten danach — wenn das Personal gleichzeitig potenzielle Opfer und die einzige Ressource für die Patienten ist.
Die Schulungen haben bereits medizinische Einrichtungen in der Region Tschernihiw, Odessa, Saporischschja und Kiew absolviert. Das UNICEF führt parallel eine verwandte Initiative durch: 2024 eröffnete die Organisation zusammen mit Partnern 12 Schulungs- und Ressourcenzentren in sieben Regionen — Wolhynien, Lwiw-Region, Transkarpatien, Tschernihiw-Region, Kiew-Region, Odessa-Region und Dnipropetrowsk-Region.
Was trainiert wird
- Schutzmaßnahmen vor Ort (Shelter-in-Place): wenn die Evakuierung gefährlicher ist als der Patient in seinem Zimmer bleibt — und wie man das anhand des Signaltyps und der Entfernung zum Schutzraum feststellt.
- Triage unter Bedingungen von Strukturschäden: Priorisierung bei gleichzeitiger Ankunft neuer Opfer und bereits vorhandener Patienten, die kontinuierliche Behandlung benötigen.
- Befehlskette: wer trifft Entscheidungen, wenn der Ärztliche Leiter unerreichbar ist, und wie man eine Entscheidungslähmung im Chaos der ersten Minuten vermeidet.
- Kommunikation mit Patienten und Angehörigen: klare Anweisungen statt Beruhigung, um spontane Evakuierungen zu verhindern, die zusätzliche Risiken schaffen.
Kontext für Patienten
Für Menschen, die sich zur stationären Behandlung aufhalten oder geplante Verfahren planen, haben die Schulungen eine praktische Dimension. Das Wissen, dass das Personal ein spezifisches Szenario trainiert hat — nicht nur theoretisch mit einer Anleitung vertraut ist — ändert die Art der Interaktion während eines Vorfalls. Ein Patient, der die Logik der medizinischen Entscheidungen versteht („warum werde ich nicht in den Schutzraum gebracht, sondern aufgefordert zu bleiben"), wird mit geringerer Wahrscheinlichkeit gegen das Protokoll handeln.
„Das Gesundheitssystem der Ukraine steht unter enormem Druck. Im Jahr 2024 wurden 487 Anschläge auf medizinische Einrichtungen verzeichnet — ein Anstieg um 12%, und die Gesamtzahl überschritt 2500 seit Beginn der vollständigen Invasion."
WHO, Jahresbericht über Notfallsituationen in der Ukraine, 2024
Grenzen des Programms
Die Schulungen lösen nicht das strukturelle Problem: Ein großer Teil der ukrainischen Krankenhäuser verfügt immer noch nicht über vollständige Schutzräume oder hat sie nur für einen Teil des Personals. Der Bau von Schutzanlagen läuft parallel — das UNICEF hat Schutzräume in 17 Krankenhäusern und Perinatalzentren in den Regionen Tschernihiw, Dnipropetrowsk, Odessa, Saporischschja, Schytomyr und Kiew instandgesetzt. Aber Schutzräume ohne ein trainiertes Protokoll sind Infrastruktur ohne Algorithmus für ihre Nutzung.
Das Programm umfasst bislang nur eine begrenzte Anzahl von Einrichtungen. Wie schnell sich das Modell auf Krankenhäuser in den Frontregionen — Kherson, Kharkiw, Donezk — skalieren lässt, wo das Risiko eines direkten Treffers am höchsten ist, hängt davon ab, ob die Initiative von der Regierung eine systematische Finanzierung erhält, anstatt sich nur auf internationale Geber zu verlassen.