Anfang 2025 hatte die Ukraine erstmals mehr offene Stellen als aktive Jobsuchende. Der Arbeitsmarkt bleibt jedoch unausgewogen: 74% der Unternehmen berichten von Fachkräftemangel, wobei der akuteste Mangel in Bauwesen und Rüstungsindustrie herrscht. Die Regierung reagierte mit einem Programm, das eine bislang vernachlässigte Ressource nutzt.
Drei Schritte statt einer Stellenausschreibung
Das Programm „Erfahrung zählt", das das Kabinett zusammen mit dem Staatlichen Beschäftigungszentrum, Unternehmen und zivilgesellschaftlichen Partnern startete, ist als dreistufiger Prozess aufgebaut.
- Vorbereitung: Aktualisierung des Lebenslaufs, Anpassung an aktuelle Marktanforderungen, Erwerb praktischer Fähigkeiten – alles kostenlos.
- Praktikum: Kurzfristige praktische Arbeit direkt im Unternehmen. Der Arbeitgeber bewertet den Kandidaten unter realen Bedingungen, bevor er eine Einstellungsentscheidung trifft.
- Beschäftigung: Endgültiger Übergang in eine Position für diejenigen, die das Praktikum absolviert haben.
Zur Teilnahme ist das Ausfüllen eines Antragsformulars mit persönlichen Daten, Wohnort, Bildungsstand, bisheriger Erfahrung und Kontaktinformationen erforderlich.
Was Menschen über 50 wirklich daran hindert, Arbeit zu finden
Eine Studie zum „Arbeitsmarkt nach 50 Jahren", auf die sich die Regierung bezieht, dokumentiert ein Paradoxon: Arbeitgeber schätzen Zuverlässigkeit und Erfahrung älterer Kandidaten, doch genau diese werden am häufigsten bereits am Anfang aussortiert.
„65% der Unternehmen nennen digitale Kompetenzen als Barriere, und 60% erkennen an, dass Altersvorurteile bei der Einstellung eine Rolle spielen"
Julija Swyrydenko, Premierministerin der Ukraine
Das Problem liegt also nicht darin, dass eine Person nicht arbeiten kann – sondern darin, dass sie kein Excel beherrscht oder kein Konto auf einer Videoanrufsplattform hat. Das Programm zielt genau auf diese Lücke ab.
Größerer Kontext: Wer wird den Arbeitsmarkt füllen
Nach Daten von NV Business erhöhten 96% der ukrainischen Unternehmen 2025 ihre Löhne – direkte Folge des Fachkräftemangels. Gleichzeitig stellen 46% der Arbeitgeber fest, dass Auswanderung von Jugendlichen ihre HR-Strategie beeinflusst. Unter diesen Bedingungen werden Menschen über 50 nicht zur „Notlösung", sondern zu einer strukturellen Notwendigkeit – besonders in Branchen, wo manuelle und technische Arbeit nicht schnell automatisiert werden kann.
Bemerkenswert ist, dass die Wirtschaft im Programm nicht nur passiver Beobachter ist: Arbeitgeber erhalten Zugang zu einer Datenbank bereits geschulter Kandidaten, was einen Teil der Kosten für die erste Auswahlrunde spart.
Was offen bleibt
Das Programm wird als dreiseitiges Partnerschaftsprojekt beschrieben, doch öffentlich sind weder das Finanzierungsvolumen noch die Anzahl der Plätze für die erste Runde noch die Bewertungskriterien für Arbeitgeber nach dem Praktikum offengelegt. Wenn der Staat wirklich auf Menschen über 50 als systematische Ressource und nicht als einmalige PR-Geste setzt – wird der Schlüsselindikator nicht die Zahl der eingereichten Anträge sein, sondern der Anteil der Praktikanten, die nach dem ersten Zyklus einen offiziellen Arbeitsvertrag erhalten haben.