Am 30. März 2025 hat die Berufungskammer des Höheren Antikorruptionsgerichts (VAKS) die Beschwerden der Verteidigung teilweise stattgegeben und das Urteil im Fall des ehemaligen amtierenden Generaldirektors des Flughafens „Boryspil“, Yevhen Dychne, abgeändert: vier Jahre Freiheitsstrafe statt fünf, und die Summe des materiellen Schadens, die beide Verurteilten solidarisch zu ersetzen haben, sank von 11 Mio. auf 1,3 Mio. грн. Die ehemalige Leiterin des Dienstes für Mietverhältnisse, Olesia Levochko, erhielt drei Jahre statt vier. Die Schuld bestätigte das Gericht vollumfänglich.
Wofür sie verurteilt wurden
Kern der Anklage sind zwei vorläufige Mietverträge für Räume im dritten Stock des Terminals D, abgeschlossen in den Jahren 2016–2017 mit der LLC „Arteria Group“ und der LLC „Kofe Bar Plyus“ ohne Ausschreibung und zu zu niedrigen Preisen. Nach dem Gesetz durfte staatliches Eigentum ausschließlich vom Fonds für Staatseigentum (FSE) über eine offene Ausschreibung vermietet werden. Stattdessen haben Dychne und Levochko nach Auffassung des Nationalen Antikorruptionsbüros (NABU) und der Spezialisierte Antikorruptionsstaatsanwaltschaft (SAP) absichtlich die Durchführung dieser Ausschreibungen verzögert und bestimmten Mietern den Vorzug eingeräumt.
Als wirtschaftlich Berechtigter von „Kofe Bar Plyus“ stellte sich Timur Mindich heraus — ein Geschäftspartner des MAU-Aktionärs Ihor Kolomoisky. Zur fraglichen Zeit war die Direktorin der „Arteria Group“ die Ehefrau des Chefredakteurs der Website Obozrevatel. Weder NABU noch das Gericht stellten jedoch fest, dass Dychne oder Levochko sich persönlich aus diesen Verträgen bereichert hätten.
„Zwischen 13 Millionen und null hat Yevhen Dychne die 13 Millionen gewählt“ — so beschrieb die Anwaltskanzlei Miller die Logik des Handelns ihres Mandanten: Nach den strittigen Verträgen haben der Flughafen und der Staatshaushalt tatsächlich rund 13 Mio. грн an Mieteinnahmen erhalten.
Miller Law Firm, Analyse der VAKS-Entscheidung
Das VAKS hatte in erster Instanz dem entgegengehalten: Sieben Mitarbeiter des Fonds für Staatseigentum, die für die Ausschreibungen zuständig waren, seien „inkompetent“, und genau dies habe Dychne zu eigenen Zwecken ausgenutzt — nicht im Interesse des Flughafens. Die Berufung änderte diese rechtliche Würdigung nicht.
Was die Berufung änderte — und was sie beließ
Die Verkürzung der Haftstrafe um ein Jahr und die drastische Reduzierung der Schadenssumme — von 11 auf 1,3 Mio. грн — sind formal ein Erfolg der Verteidigung. Doch das Urteil wird in genau dieser Form rechtskräftig: eine Verurteilung mit tatsächlicher Haftstrafe. Die Verteidigung hatte von Beginn an betont, dass der Flughafen bereits seit 2012 vorläufige Mietverträge abschloss, dass Dutzende solcher Vereinbarungen unterzeichnet wurden, die Preise nach derselben Formel des FSE berechnet wurden — und dass dies nie Gegenstand eines Strafverfahrens gewesen sei.
- Urteil der ersten Instanz: 5 Jahre (Dychne), 4 Jahre (Levochko), Schäden — 15,7 Mio. грн, Einziehung/Zahlungsanspruch — 11 Mio. грн.
- Entscheidung der Berufung: 4 Jahre (Dychne), 3 Jahre (Levochko), einzuziehende Schäden — 1,3 Mio. грн.
- Schuld nach Art. 364 Abs. 2 des ukrainischen Strafgesetzbuchs (Missbrauch der Amtsbefugnisse mit schweren Folgen) — bestätigt.
Ein Präzedenzfall für das Management staatlicher Unternehmen
Dychne selbst sagte noch während der Berufung in einem Interview mit Pravo.ua, er halte seine Entscheidung für „präzedenzbildend“ und eine, „die die Rechtspraxis bestimmen werde“. Die Kehrseite dieses Präzedenzfalls — und hierin liegt die Hauptfrage des Verfahrens — ist nicht, ob ein konkreter Manager das Verfahren des FSE verletzt hat. Sondern welche Verhaltensweise die Gerichte des Antikorruptionssystems faktisch belohnen: der Direktor eines staatlichen Unternehmens, der einen Vertrag unterschreibt und den Haushalt füllt, oder der Direktor, der gar nichts unterschreibt und abwartet, bis der Fonds für Staatseigentum die Ausschreibung in zwei Monaten oder erst in zwei Jahren durchführt.
Die SAP vertrat in ihrer Position eine klare Linie: „Die Untersuchung bewertet nicht den Erfolg des Leiters. Das Ermittlungsinteresse richtete sich darauf, ob beim Vermieten staatlichen Eigentums das Gesetz verletzt wurde“. Die Antwort des Gerichts lautet — es wurde verletzt. Aber in welcher Schadenshöhe — das hat die Berufung fast um eine Größenordnung reduziert.
Die nächste Instanz ist das Kassationsstrafgericht beim Obersten Gerichtshof, falls die Verteidigung dort Beschwerde einlegt. Die Frage ist nicht rhetorisch: Sollte der Oberste Gerichtshof die Argumentation des VAKS zu den vorläufigen Mietverträgen staatlichen Eigentums bestätigen, würde das bedeuten, dass Hunderte ähnlicher Verträge, die von Leitern staatlicher Unternehmen vor und nach Dychne abgeschlossen wurden, potenziell unter denselben Tatbestand fallen — und die ganze Verantwortung läge beim Direktor, nicht beim Fonds, der jahrelang keine Ausschreibungen durchgeführt hat.