Peter Magyár gewann die Wahlen am Sonntag. Am Mittwoch saß er bereits in der Sendeanstalt des Radios Kossuth — desselben Radios, das jahrelang Orbán übertrug und Magyár selbst anderthalb Jahre lang faktisch nicht ans Mikrofon ließ. Die Symbolik ist beabsichtigt.
«Jeder Ungarn verdient öffentliche Medien, die die Wahrheit ausstrahlen. Einer der ersten Schritte wird sein, die Nachrichtensendungen des öffentlichen Fernsehens und Radios zu stoppen»
Peter Magyár, Radio Kossuth
Wie Bloomberg berichtet, erklärte Magyár, dass die Übertragungen eingestellt werden, bis eine unvoreingenommene Berichterstattung garantiert ist. Nach seinen Aussagen verbreiteten die staatlichen Medien Angst und Lügen, um Orbán an der Macht zu halten.
Was genau will er stoppen
Es geht um das Netzwerk MTVA — einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der das Haupt-Fernseh- und Rundfunknetz des Landes kontrolliert. Nach Angaben von Gamereactor schlug Magyár auch vor, ein unabhängiges Kontrollgremium, möglicherweise nach dem Vorbild der BBC, zu schaffen, um redaktionelle Neutralität zu gewährleisten.
Doch MTVA ist nur ein Teil des Problems. Nach Angaben der Organisation «Reporter ohne Grenzen» kontrollieren Orbáns Anhänger 80 % der ungarischen Medien durch zwei Strukturen: KESMA umfasst den privaten Sektor, MTVA den öffentlichen. Orbán festigte diese Kontrolle rechtlich, daher ist die erste Aufgabe Magyárs eine gesetzliche Umgestaltung des gesamten Systems.
Wie dieses System aufgebaut wurde
Nach Orbáns Rückkehr zur Macht im Jahr 2010 baute die Fidesz-Partei den Mediensektor methodisch um: ersetzte die Leitung der Regulierungsbehörde, konzentrierte den öffentlichen Rundfunk und entließ unabhängige Journalisten. Nach Angaben der Heinrich-Böll-Stiftung verloren über 1.000 Journalisten in diesem Prozess ihre Arbeit.
Der Höhepunkt kam 2018: regierungsfreundliche Geschäftsleute übertrugen ihre Medienbestände gleichzeitig an einen einzigen Fonds KESMA — ohne Wettbewerbsprüfung, da die Regierung die Fusion als «Frage des nationalen strategischen Interesses» erklärte. Jetzt vereinigt KESMA über 470 Medienausgaben.
Magyár hat mehr als seine Vorgänger
Die Tisza-Partei erzielte eine verfassungsmäßige Mehrheit — über zwei Drittel der 199 Sitze im Parlament. Das bedeutet, dass Magyár die Verfassung ohne Koalitionskompromisse ändern kann. Die Regierung soll bis Anfang Mai gebildet werden.
Aber eine verfassungsmäßige Mehrheit löst nicht das Problem des privaten Mediensektors: KESMA ist rechtlich gesehen eine unabhängige Stiftung. Diese Konstruktion durch Kartellrecht aufzubrechen — ist ein separater und deutlich längerer Prozess, und die Medienbehörde ist immer noch mit Orbán-treuen Kadern besetzt.
Wenn Magyár die Nachrichten auf MTVA wirklich stoppt — das wird ein beispielloses Vorgehen für die EU sein: kein Mitgliedstaat hat bisher das staatliche Rundfunk aus Reformgründen zum Schweigen gebracht. Die Frage ist nicht, ob ihm die rechtlichen Befugnisse ausreichen — sie reichen aus. Die Frage ist, ob die Europäische Union bereit ist, das vorübergehende Schweigen von Staatsmedien als das kleinere Übel gegenüber Propaganda zu akzeptieren — und ob dieser Präzedenzfall nicht zum Instrument für weniger demokratische Nachfolger wird.