UNESCO zählt zerstörte Denkmäler auf, vermeidet aber das Wort „Russland" – und das ist kein Zufall

Die Organisation hat über 340 beschädigte Kulturgüter der Ukraine verifiziert, nennt in offiziellen Stellungnahmen aber nicht den Urheber der Anschläge. Kulturministerin Berezhna fordert eine Änderung dieser Praxis – hinter ihr steht eine ganze diplomatische Logik.

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Als eine russische Drohne das Grigori-Skoworoda-Museum in der Region Charkiw traf, reagierte die UNESCO schnell: Vertreter der Organisation fuhren zum Ort, dokumentierten die Schäden und veröffentlichten einen Bericht. In dem Bericht stand — «beschädigt». Ohne Angabe des Akteurs.

Genau dieser bürokratische passive Zustand wurde zum Hauptkritikpunkt der Kulturministerin Tetjana Berezhna. Nach ihren Angaben vermeidet die UNESCO konsequent eine direkte Zurechnung von Angriffen in ihren offiziellen Erklärungen — selbst dort, wo die Urheberschaft des Schlags keine Zweifel aufwirft.

Was genau die UNESCO zählt — und wie

Stand Anfang 2024 verifi­zierte die Organisation 343 beschädigte Kulturgüter in der Ukraine seit Beginn der vollständigen Invasion — darunter 127 Religionsbauwerke, 151 Gebäude von historischem oder künstlerischem Wert, 31 Museen, 19 Denkmäler, 14 Bibliotheken und ein Archiv. Nach Schätzungen von VoxUkraine unter Berufung auf UNESCO-Daten stieg diese Zahl bis Juni 2025 weiter an.

Die Schäden am Kultursektor der Ukraine übersteigen bereits 4 Milliarden Dollar, und die Wiederherstellung wird in der nächsten Dekade mindestens 10,5 Milliarden Dollar kosten — solche Daten enthält der Bericht RDNA4, der im Februar 2025 von der ukrainischen Regierung zusammen mit internationalen Partnern vorgestellt wurde.

Warum die UNESCO Russland nicht nennt

Das ist kein redaktioneller Versehen. Die UNESCO ist eine zwischenstaatliche Organisation, deren Mitglied auch Russland ist. Eine direkte Zurechnung von Angriffen in offiziellen Dokumenten würde faktisch eine Anklage gegen einen Mitgliedstaat bedeuten — ein Schritt mit rechtlichen und politischen Konsequenzen, zu dem sich die Organisation bislang nicht systematisch durchgerungen hat.

«Denkmäler wurden von Raketen vergewaltigt» — aber in der offiziellen Terminologie der UNESCO verschwindet der Akteur.

Radio Svoboda über die Praxis der Formulierungen in den Berichten der Organisation

Gleichzeitig verwendet die UNESCO in ihrer Kommunikation zu konkreten Zwischenfällen — beispielsweise bei Angriffen auf Odessa, Lwiw oder die Lawra — manchmal dennoch die Formulierung «russische Anschläge». Doch dies bleibt die Ausnahme, nicht die Regel für die offizielle Berichterstattung.

Was direkte Zurechnung verändert

Es geht nicht nur um die Frage der Gerechtigkeit bei Formulierungen. Die Ukraine ist daran interessiert, dass die UNESCO zu einer Plattform für die Dokumentation russischer Verbrechen gegen das Kulturerbe wird — insbesondere um Projekten wie «Neuer Chersonessos» in Sewastopol entgegenzuwirken, das Russland auf internationalen Plattformen als touristisches und kulturelles Objekt bewirbt.

  • Ohne klare Zurechnung der Zerstörungen behält Russland die Möglichkeit, auf denselben Kulturforen zu agieren, auf denen seine Verbrechen dokumentiert werden.
  • Berichte ohne Täter sind schwerer in internationalen Gerichtsverfahren als Beweismaterial zu verwenden.
  • Passive Formulierungen verwässern die Verantwortung im öffentlichen Raum — besonders für ein Publikum, das nicht täglich den Ereignissen folgt.

Im März 2024 kündigte das ukrainische Kulturministerium die Entwicklung einer gemeinsamen Methodik zur Schadensquantifizierung mit der UNESCO, ICCROM und ICOMOS an — die unter anderem die Berechnung der Wiederherstellungskosten vorsehen würde. Die Frage der Zurechnung bleibt in diesem Dokument jedoch offen.

Falls die neue Methodik ohne direkte Angabe des Akteurs der Anschläge angenommen wird — erhält die Ukraine eine detailliertere Schadensaufstellung, aber ohne Namen dessen, dem sie in Rechnung gestellt werden kann. Und dann bliebe Bererzhnas Forderung nur eine rhetorische.

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