Als am 3. Dezember 2025 der EU-Rat und das Europäische Parlament einen Mechanismus für den schrittweisen Verzicht auf russisches Gas vereinbarten, erschien im abschließenden Dokument ein Absatz über Öl. Nach Angaben des EU-Rates verzeichnete die Europäische Kommission die Absicht, einen Legislativvorschlag zum schrittweisen Ausstieg aus der Einfuhr von russischem Öl einzureichen – aber nicht vor Ende 2027. Für Estland, Lettland und Litauen erwies sich dies als unzureichend.
Was die baltischen Länder fordern
Auf dem Treffen der EU-Energieminister am Freitag forderten drei baltische Länder die Europäische Kommission auf, schneller voranzugehen und einen konkreten Mechanismus für den schrittweisen Verzicht auf russisches Öl so bald wie möglich vorzuschlagen, wie die Financial Times von mehreren mit den Verhandlungen vertrauten Quellen erfuhr. Der Abgeordnete Ville Niinistö, Schattenberichterstatter des Industrieausschusses des Europäischen Parlaments, äußerte sich unmissverständlich: «Nun müssen wir ohne Verzögerung die Ölimporte in den Fokus rücken – und die Kommission an ihr Versprechen halten, einen Vorschlag Anfang 2026 einzureichen».
Die Logik der baltischen Position ist verständlich: Das Gasabkommen beinhaltet die Absicht, das Öl zu beschränken, legt aber keinen rechtsverbindlichen Zeitrahmen oder Kontrollemechanismus fest.
Ein Loch in der Größe Ungarns
Selbst die verabschiedete Gasverordnung enthält eine wesentliche Ausnahme. Wie Euronews berichtet, erhielten Ungarn und die Slowakei eine Ausnahmeregelung von dem Verbot für Pipelinegas unter Berufung auf Versorgungssicherheitsargumente. Bei Öl ist die Situation noch verschärfter: Nach Angaben des Forschungszentrums CREA waren die Ölimportmengen nach Ungarn und die Slowakei 2024 um 2% höher als vor der Invasion 2021 – und die geltende Ausnahmeregelung hat kein klares Enddatum.
«Der ungarische Konzern MOL hat vollständig von dem billigen russischen Rohstoff profitiert, ohne jedoch irgendwelche Einsparungen an die Verbraucher weiterzugeben. Das operative Einkommen des Unternehmens ist um 30% im Vergleich zum Vorkriegsniveau gestiegen».
Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA), Mai 2025
Ist der wirtschaftliche Druck auf Moskau real
Das Argument der Verfechter des Verbots – dass Russland bereits Druck verspürt – wird teilweise durch Daten gestützt. Nach Berechnungen des Oxford Institute for Energy Studies sank der Anteil der Öl- und Gaseinnahmen am föderalen Haushalt Russlands 2025 auf 23% – der niedrigste Wert der letzten zwanzig Jahre. Im November 2025 sanken die Öl- und Gaseinnahmen um 34% im Jahresvergleich auf 530 Milliarden Rubel.
Doch es gibt einen Haken. Wie das Oxford Institute for Energy Studies anmerkt, wird der Zusammenbruch der Öleinnahmen durch steigende Mehrwertsteuer und Gewinntax kompensiert – das heißt, der Kreml hat die Kriegsfinanzierung auf die Schultern seines eigenen Geschäftssektors und der Haushalte verlagert. Der Haushalt ist ausgeglichen, aber die Preise im Inland steigen. Janis Kluge von der Stiftung Wissenschaft und Politik (Berlin) stellt fest, dass der Druck auf den föderalen Haushalt zunimmt – beschreibt ihn aber nicht als kritisch in kurzfristiger Perspektive.
Das ist der Schwachpunkt der baltischen Initiative: Der wirtschaftliche Druck durch Öl wird nur als systemisch und ohne Ausnahmen funktionieren – nicht als Erklärung mit Aufschub bis 2027 und einem Loch in Form der Pipeline «Druschba».
Falls die Europäische Kommission tatsächlich Anfang 2026 einen Vorschlag vorlegt, wird ein Punkt zum entscheidenden Test: Wird es einen Mechanismus geben, der die ungarisch-slowakische Ausnahmeregelung schließt – oder wird erneut die Formulierung «unter Berücksichtigung der Versorgungssicherheit» ohne Enddatum auftauchen?