EU weitet Kohlenstoffmarkt auf Flüge nach Dubai und Istanbul aus – Fluggesellschaften sagen „Fehler", Daten sagen „Nein"

Ab 2029 wird das Europäische Emissionshandelssystem internationale Flüge im Umkreis von 5000 Kilometern vom europäischen Zentrum erfassen. Die Luftfahrtbranche warnt vor Ticketpreissteigerungen, unabhängige Forscher argumentieren das Gegenteil – und die Zahlen sprechen für sie.

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Фото: depositphotos.com

Am 17. Juli kündigte der EU-Klimakommissar Wopke Hoekstra an: Ab 2029 wird das System für den Handel mit CO₂-Emissionszertifikaten (EU ETS) auf alle internationalen Flüge ausgeweitet, die in Europa landen und von Abflughäfen innerhalb eines Radius von 5000 km vom geografischen Zentrum der EU ausgehen. Diese Regelung betrifft Flüge nach Istanbul, Dubai, Doha und andere große Drehkreuze des Nahen Ostens und der Türkei. Flüge aus den USA und China bleiben außerhalb des Geltungsbereichs der neuen Regeln: Sie liegen außerhalb des 5000-Kilometer-Radius.

Warum gerade jetzt und warum gerade diese Strecken

Die Luftfahrt bleibt der einzige große Wirtschaftssektor der EU, in dem die Emissionen weiter wachsen statt zu sinken. Seit 2012 deckte das ETS nur Inlandsflüge innerhalb des Europäischen Wirtschaftsraums ab und ließ die meisten Flugverkehrsemissionen außerhalb des Kohlenstoffpreissystems. Hoekstra formulierte das Problem deutlich: Fluggesellschaften aus dem Persischen Golf erhalten staatliche Subventionen, die ihre europäischen Konkurrenten nicht haben, und das ETS hat dieses Spielfeld bisher nicht ausgeglichen.

«Die Luftfahrt ist der einzige große Sektor, in dem die Emissionen wachsen statt zu sinken. Gleichzeitig steht die EU vor einem Problem gleicher Wettbewerbsbedingungen: Das ETS deckt nur den EWR ab, während eine Reihe von Ländern, besonders im Persischen Golf, ihre Fluggesellschaften in einer Weise subventionieren, wie wir es nicht tun».

Wopke Hoekstra, EU-Klimakommissar, Euronews, 17. Juli 2026

Der Kommissar wies zudem besonders auf Privatjets hin: Alle Starts und Landungen der Privatluftfahrt fallen ebenfalls unter die neuen Regelungen – unabhängig von der Flugstrecke.

Was die Fluggesellschaften sagen – und was die Daten zeigen

Der Branchenverband Airlines for Europe (A4E), der Lufthansa, Ryanair, Air France-KLM und andere vertritt, nannte die Initiative eine «Wiederholung eines historischen Fehlers». Die Geschäftsführerin von A4E, Urania Georgatsu, forderte, dass alle durch das ETS eingenommenen Mittel in die Dekarbonisierung der Luftfahrt reinvestiert werden, nicht im allgemeinen EU-Haushalt aufgehen. Der Verband behauptet: Ein regionales Quotensystem löst nicht das globale Problem und untergräbt die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Luftfahrtunternehmen.

Eine unabhängige Studie der Beratungsfirma CE Delft, in Auftrag gegeben von Carbon Market Watch, zeichnet jedoch ein anderes Bild. Die Ausweitung des ETS hätte minimale Auswirkungen auf die Ticketpreise – hauptsächlich, weil Fluggesellschaften den Berechnungen der Forscher zufolge bis zu 85% der zusätzlichen Quotenkosten selbst tragen werden, ohne sie an Passagiere weiterzugeben. Die Kohlenstoffkomponente macht einen unbedeutenden Teil des Gesamtticketpreises aus – viel größer ist der Einfluss der Volatilität der Kerosinpreise.

  • Eine Ausweitung des ETS auf alle Abflüge aus dem EWR könnte zusätzlich €9 Mrd. pro Jahr bis 2030 einbringen.
  • Wenn auch Landungen einbezogen werden – verdoppeln sich die Einnahmen auf €19 Mrd. pro Jahr.
  • Derzeit vermeidet die Luftfahrt die Besteuerung von Kerosin und MwSt. im Umfang von etwa €21,3 Mrd. pro Jahr – mehr als die gesamten erwarteten ETS-Einnahmen.
  • Der effektive Kohlenstoffpreis, den Fluggesellschaften 2025 tatsächlich zahlten, betrug nur €22 pro Tonne CO₂ – bei einem durchschnittlichen ETS-Marktpreis erheblich höher.

Wer gewinnt, wer verliert

Für Passagiere sind die Änderungen am wenigsten spürbar: Ein Familienflug in die Türkei oder die VAE wird nicht dramatisch teurer. Allerdings stehen Emirates, Turkish Airlines und Qatar Airways, die ihre Geschäftsmodelle auf Massentransit durch ihre Drehkreuze ausgerichtet haben, vor struktureller Verteuerung für Flüge nach Europa. Dies ist genau das, was Brüssel anstrebte – aber etwas, das Ankara, Dubai und Doha als Protektionismus statt Klimapolitik wahrnehmen werden.

Der Vorschlag durchläuft noch das Legislativverfahren in der EU. Flüge aus den USA und China bleiben außerhalb des ETS – eine geopolitisch nachvollziehbare, aber klimapolitisch widersprüchliche Entscheidung, die bereits von Umweltorganisationen kritisiert wird.

Die Kernfrage ist nicht, ob Tickets nach Dubai teurer werden. Die Frage ist, ob die EU die eingenommenen Milliarden in die grüne nachhaltige Flugkraftstoff-Transformation reinvestiert – oder sie im allgemeinen Haushalt aufgehen lässt. Wenn die Europäische Kommission bis 2028 keinen klaren Mechanismus für die zweckgebundene Verwendung der Flugverkehrseinnahmen aus dem ETS verankert, wird das Argument der Branche über einen «Fehler» echte wirtschaftliche Grundlagen erhalten.

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