Am 15. April kündigte das Finanzministerium der Ukraine den Erhalt von 752 Millionen Pfund Sterling — etwa 1 Milliarde Dollar — aus Großbritannien an. Dies ist die dritte und letzte Tranche im Rahmen einer Vereinbarung, die am 1. März 2025 zwischen Finanzminister Sergii Marchenko und der britischen Schatzkanzlerin Rachel Reeves unterzeichnet wurde. Die ersten beiden Tranchen in Höhe von insgesamt 1,5 Milliarden Pfund erhielt Kiew im März und April 2025. Zusammen — 2,26 Milliarden Pfund oder etwa 3 Milliarden Dollar — vollständig für Verteidigungsbedarf.
Was ist ERA und warum erschöpft sich der Fonds
Der Mechanismus Extraordinary Revenue Acceleration (ERA) ist ein Darlehen der G7-Länder im Gesamtvolumen von 50 Milliarden Dollar, das durch die Einnahmen aus eingefrorenen russischen Staatsaktiva finanziert und zurückgezahlt wird. Das Geld stammt nicht aus den Haushalten der Steuerzahler — sondern aus den Erträgen, die ungefähr 300 Milliarden Euro an stillgelegten Mitteln der Russischen Zentralbank jährlich generieren, die überwiegend im belgischen Euroclear eingefroren sind.
«Die bereitgestellte Finanzierung hat einen zweckgebundenen Charakter und wird zur Deckung der Prioritätsbedarfe des Sicherheits- und Verteidigungssektors eingesetzt»
Sergii Marchenko, Finanzminister der Ukraine
Nach Angaben der Kyiv Post unter Bezugnahme auf das Finanzministerium zog die Ukraine 2025 52,4 Milliarden Dollar externe Finanzierung an, von denen über 70% gerade über ERA flossen. Die EU-Quote — 18,1 Milliarden Euro — wurde bereits vollständig ausgezahlt. Doch Stand Mitte April 2026 sind etwa 7 Milliarden Euro aus dem ERA-Paket noch nicht eingegangen: Die USA, Japan und Großbritannien haben ihre Anteile noch nicht vollständig überwiesen. Die britische Tranche vom 15. April schließt diese Lücke teilweise.
Die nächste Stufe: 90 Milliarden Euro von der EU — und das ungarische Veto
Parallel zur Aufrechterhaltung des ERA entfaltet sich eine weitaus größere Konstruktion. Im Dezember 2025 einigten sich die EU-Führungspersonen auf ein Darlehen an die Ukraine von 90 Milliarden Euro (etwa 105 Milliarden Dollar) für 2026–2027, gesichert durch den EU-Haushalt und nicht durch eingefrorene Vermögenswerte. Das Europäische Parlament billigte das Paket im Februar 2026. Am 1. April schlug die Europäische Kommission dem Rat der EU eine Entscheidung über die erste Tranche vor — 45 Milliarden Euro bis Ende 2026, davon 16,7 Milliarden als Haushaltsunterstützung, der Rest als Verteidigungseinkäufe.
Aber das Geld ist blockiert. Ungarn unter Premierminister Viktor Orbán lehnt das Paket ab und verknüpft sein Veto mit der Wiederaufnahme von Öllieferungen durch die Pipeline «Druschba». EU-Beamte warnen: Selbst wenn der nächste Premierminister Péter Márki-Zay das Veto nach der Wiederaufnahme der Lieferungen aufhebt, wird die Ukraine die erste echte Zahlung nicht vor der zweiten Jahreshälfte 2026 erhalten.
Nach Berechnungen der Europäischen Kommission betragen die Gesamtfinanzierungsbedarfe der Ukraine für 2026–2027 — etwa 135 Milliarden Euro. Davon sollen 45 Milliarden von den G7-Ländern und anderen Partnern gedeckt werden. Bestätigt sind bislang nur etwa 15 Milliarden. Genau deshalb wird EU-Wirtschaftskommissar Valdis Dombrovskis am Mittwoch bei einem Treffen mit dem amerikanischen Finanzminister Scott Bessent und am Donnerstag mit Marchenko bei den Partnern drängen, damit diese die ERA-Zahlungen beschleunigen, während der große EU-Kredit noch nicht freigegeben ist.
Was bedeutet das für die Menschen
Der ERA-Mechanismus ist keine abstrakte Diplomatie. Im Jahr 2025 ermöglichten gerade diese Darlehen der Ukraine:
- die makrofinanzielle Stabilität trotz Rekordmilitärausgaben zu bewahren;
- Sozialtransfers — Gehälter, Renten, Subventionen — ohne hyperinflationäre Geldausgabe zu finanzieren;
- interne Ressourcen direkt auf Rüstungsaufträge zu lenken.
Die britische Milliarde geht an die Armee. Aber sobald ERA erschöpft ist und der 90-Milliarden-Kredit der EU im ungarischen Veto steckenbleibt, entsteht eine Lücke zwischen den beiden Finanzierungsquellen — und diese trifft unmittelbar das Haushaltsgleichgewicht.
Sollte Márki-Zay die ungarische Position nach der Wiederaufnahme von «Druschba» bis Ende April entsperren, könnte die erste Zahlung aus dem 90-Milliarden-Paket im Sommer eingehen. Sollten sich die Verhandlungen hinziehen — geht die Ukraine in das zweite Halbjahr mit unbewilligten 30 Milliarden Euro Finanzierung ein, und die Frage ist nicht, ob das Finanzministerium damit klarkommt, sondern wie.