Vor dem Abflug zum Gipfel der EU und der Länder des Westbalkans in Montenegro hat Tschechiens Premierminister Andrej Babiš öffentlich den Namen einer Person genannt, die seiner Meinung nach im Namen der Europäischen Union mit Putin sprechen sollte. Es ist der deutsche Kanzler Friedrich Merz.
«Nach meiner Ansicht sollte definitiv der deutsche Kanzler Merz sein, der irgendwie auf der Grundlage eines Mandats des Rates und der Kommission eine bestimmte diplomatische Mission leiten sollte».
Andrej Babiš, Premierminister von Tschechien, 4. Juni 2026
Babiš' Logik ist verständlich: Trump konzentriert sich auf den Nahen Osten, die amerikanischen Vermittlungsbemühungen sind ins Stocken geraten, und Putin setzt seine Angriffe fort — folglich muss Europa selbst handeln. Die Frage ist, ob hinter dieser Logik ein echter Mechanismus steckt.
Wo die Debatte läuft — und wo sie steckengeblieben ist
Die Auseinandersetzung über einen EU-Verhandlungsführer gegenüber Russland wird bereits seit einigen Monaten geführt. Mitte Mai berichtete Politico, dass in Brüssel drei Kandidaten diskutiert wurden — Angela Merkel, Finnlands Präsident Alexander Stubb und der ehemalige EZB-Präsident Mario Draghi. Keine von ihnen wurde formell als Konsens betrachtet.
Putin seinerseits hat öffentlich den ehemaligen Kanzler Gerhard Schröder vorgeschlagen — einen langjährigen persönlichen Freund und bekannten Lobbyisten von Gazprom. Die Leiterin der europäischen Diplomatie Kaja Kallas antwortete knapp: Schröder sei ein «bekannter Lobbyist russischer Unternehmen». Berlin nannte die Kreminitiative «unüberzeugend».
Merz formulierte seine Position bereits am 14. Mai in Aachen: «Wir bestimmen selbst, wer in unserem Namen spricht» — und nicht mehr. Er gab weder eine Bestätigung seiner Bereitschaft, Verhandlungsführer zu werden, noch eine Ablehnung dieser Rolle ab.
Was es gibt und was nicht
Das tatsächliche Bild sieht so aus:
- Es gibt — einen öffentlichen Vorschlag eines Premierministers von 27 Mitgliedstaaten.
- Es gibt nicht — einen Beschluss des Europäischen Rates oder der Europäischen Kommission zur Schaffung einer solchen Mission.
- Es gibt nicht — ein abgestimmtes Mandat: was genau zu verhandeln ist, in welchen Grenzen, mit welchen roten Linien.
- Es gibt nicht — eine öffentliche Reaktion von Merz selbst auf Babiš' Vorschlag.
Der Präsident des Europäischen Rates, António Costa, erklärte früher, dass die EU nur mit Russland im «richtigen Moment» sprechen werde — eine Formulierung, die alles offen lässt und nichts verpflichtet. Nach Angaben von Radio Svoboda ist die Schlüsselfrage unter Eurodyplomaten nicht, wer fahren wird, sondern ob die 27 Mitgliedstaaten überhaupt ein gemeinsames Mandat vereinbaren können.
Parallel dazu hat Merz in einem Brief an die EU-Führung vorgeschlagen, der Ukraine während der Verhandlungen über einen vollständigen Beitritt den Status eines «assoziierten Mitglieds» zu verleihen — ein Schritt, den Selenskyj ablehnte und auf vollständige Mitgliedschaft bestand.
Warum dies über die Schlagzeile hinaus wichtig ist
Babiš ist keine zufällige Stimme. Er leitet ein Land — ein EU- und NATO-Mitglied, das an die Ukraine grenzt — und spiegelt eine echte Nachfrage von Teilen der europäischen Hauptstädte wider: der Krisendiploamtie ein Gesicht und eine Struktur zu geben. Aber die öffentliche Nennung eines Kandidaten, bevor die Position existiert, ist Druck auf den Prozess, nicht seine Einleitung.
Wenn der Gipfel in Montenegro nicht einmal eine grundsätzliche Entscheidung über einen Verhandlungsmechanismus ergibt, bleibt Babiš' Vorschlag die persönliche Meinung eines Premierministers — nicht mehr als Putins Meinung über Schröder.
Der echte Test kommt, wenn der Europäische Rat versucht, nicht einen Namen, sondern ein Mandat abzustimmen: Wenn 27 Länder sich nicht auf rote Linien für Verhandlungen mit Moskau einigen können — wird die Frage nach der Person des Verhandlungsführers rein rhetorisch.