Pavlo Klimkin, der das Außenministerium der Ukraine 2014–2019 leitete, lehnte öffentlich das Modell der polnisch-ukrainischen Aussöhnung ab, das jahrzehntelang als funktionsfähig galt. Nach seinen Worten entspricht die Formel „wir verzeihen und bitten um Vergebung" – dieselbe, die 1965 den Bischöfen beider Länder einen ersten Schritt zur Annäherung ermöglichte – nicht mehr der Realität.
„Wir werden nicht in eine Realität zurückkehren, in der diese Formel funktioniert", erklärte Klimkin und präzisierte gleichzeitig, dass er den Dialog zwischen Ukrainern und Polen für „möglich und wichtig" hält.
Hier zeigt sich ein prinzipieller Bruch. Die Ablehnung einer rituellen Geste bedeutet nicht die Ablehnung des Gesprächs. Aber sie stellt sofort die Frage: auf welcher Grundlage dann? Gegenseitige Vergebung setzte Symmetrie voraus – beide Seiten erkennen ihre Schuld an, beide bitten um Verzeihung. Der neue Rahmen, den Klimkin vorschlägt, enthält diese Symmetrie nicht, zumindest nicht öffentlich.
Der Kontext ist wichtig. Der polnisch-ukrainische historische Konflikt – vor allem die Wolhynische Tragödie von 1943 – ist in den letzten Jahren erneut angespannt worden. Warschau besteht darauf, dass die Ukraine die Ereignisse als Genozid an Polen anerkennt; Kiew vermeidet diese Formulierung und betont gegenseitige Gewalt und die Komplexität der damaligen Situation. Vor diesem Hintergrund wird jede öffentliche Äußerung des ehemaligen Ministers zum Gewicht einer Position und nicht nur zu einer persönlichen Meinung.
Klimkin erläuterte nicht, welches Dialogmodell er für annehmbar hält. Das ist entweder Vorsicht oder das Fehlen einer vorbereiteten Antwort – beide Varianten sind gleichermaßen aussagekräftig für eine Person mit seiner Erfahrung.
Für die Ukraine ist die Frage nicht rein symbolisch. Polen bleibt ein wichtiger Transitkorridor für Waffen, einer der mächtigsten Lobbyisten für ukrainische Interessen in der EU und der NATO und gleichzeitig ein innenpolitischer Akteur, wo das Thema Wolhynien regelmäßig in Wahlkampagnen auftaucht. Der Riss zwischen strategischer Partnerschaft heute und einem unbereinigten Konto in der Geschichte ist keine Abstraktion, sondern eine tägliche operative Last für die Diplomatie beider Länder.
Die Frage, die die Position Klimkins offen lässt: Wenn die alte Formel nicht funktioniert und eine neue noch nicht formuliert worden ist – ist ein sinnvoller Dialog möglich, bevor die Ukraine öffentlich definiert, was sie anerkennen kann und was nicht?