Der Anführer der ungarischen Oppositionspartei Tisza, Péter Magyar, gab auf einer Pressekonferenz bekannt, was er als „Insiderinformationen" aus dem Ungarischen Außenministerium bezeichnete: Der Leiter der Behörde, Péter Szijjártó, soll angeblich Dienstdokumente vernichten.
Magyar offenbarte seine Informationsquelle nicht, behauptete aber, diese von Menschen innerhalb des Ministeriums erhalten zu haben. Nach seinen Worten handelt es sich um eine gezielte Dokumentenzerstörung und nicht um routinemäßige Archivierung.
Warum dieser Zufall kein Zufall ist
Die Aussage fiel mit Szijjártós bemerkenswerter Abwesenheit von öffentlichen Veranstaltungen zusammen. Ungarische Medien berichteten, dass der Minister mehrere Tage lang nicht vor der Presse erschien und eine Reihe von offiziellen Treffen ausfallen ließ – ohne offizielle Erklärung durch die Regierung.
Das Büro von Premierminister Orbán und das Außenministerium selbst reagierten zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht auf Magyars Vorwürfe.
Kontext: Wer ist Magyar und warum ist das wichtig
Péter Magyar ist der Ex-Ehemann der früheren Justizministerin Judit Varga. Er stieg Anfang 2024 nach einem aufsehenerregenden Skandal um eine Begnadigung eines verurteilten Pädophilen, der Orbáns Umfeld verbunden ist, in die Politik ein. Seine Partei Tisza erhielt bei der Europawahl im Juni 2024 etwa 30 % der Stimmen – das beste Ergebnis der ungarischen Opposition in den letzten Jahren.
Szijjártó wiederum ist einer der Hauptarchitekten der ungarischen Politik der Annäherung an Moskau und Peking. Er führte Verhandlungen über die Verlängerung von Gazprom-Verträgen und vertrat Budapest bei Treffen, die Brüssel aus Sicht der Sanktionsdisziplin als problematisch betrachtet.
Was das bedeuten könnte
Falls die Vorwürfe begründet sind, geht es nicht um einen persönlichen Streit zwischen zwei Politikern – es geht um die mögliche Vernichtung von Beweisen für Aktivitäten, die sowohl gegen ungarisches Recht als auch gegen die Verpflichtungen des Landes gegenüber der EU und der NATO verstoßen könnten.
Die Vernichtung von Dokumenten in einer staatlichen Behörde ist in den meisten Rechtssystemen ein separater Straftatbestand. Aber in Ungarn, wo die Staatsanwaltschaft dem gegenüber Orbán loyalen Generalstaatsanwalt Péter Polt untergeordnet ist, bleibt die Frage nach einer echten Untersuchung offen.
Magyar kündigte bereits an, dass er die verfügbaren Materialien unabhängigen Juristen übermitteln werde. Sollten Dokumentbeweise tatsächlich existieren und öffentlich werden – dies würde den Charakter der Vorwürfe von politisch zu juristisch verändern. Falls nicht – bleibt es ein Wahlkampfmanöver vor den ungarischen Kommunalwahlen.
Die Frage ist nicht, ob man Magyar vertraut. Die Frage ist, ob konkrete Dokumente auftauchen – oder ob ihre Abwesenheit selbst ein Beweis wird.