Stellungnahme des Experten
Der ehemalige Leiter des finnischen Militärnachrichtendienstes und mittlerweile EU-Abgeordnete Пекка Товері bewertet in einem Interview mit LIGA.net die Stationierung der Mittelstreckenrakete «Орєшнік» in Belarus als einen wichtigen, aber weder taktisch noch operativ richtungsweisenden Schritt.
„Die Stationierung des «Орєшнік» ist keine Änderung der Spielregeln auf taktischer oder operativer Ebene. Ja, sie ermöglicht es, Ziele in Westeuropa um etwa 300 km weiter zu treffen. Gleichzeitig bringt sie die Abschussvorrichtungen jedoch näher an NATO-Streitkräfte heran, was ihre Entdeckung und Zerstörung erleichtert.“
— Пекка Товері, ehemaliger Leiter des finnischen Militärnachrichtendienstes, EU-Abgeordneter
Was das für Europa und für die Ukraine bedeutet
Der zentrale Gedanke des Experten ist die Unterscheidung zwischen Taktik und Strategie. Auf dem Schlachtfeld verändert der «Орєшнік» in den derzeit verfügbaren Stückzahlen das Kräfteverhältnis nicht. Seine Stationierung in Belarus hat hingegen einen strategischen und politischen Effekt: Sie signalisiert die Bereitschaft Moskaus, Mittel einzusetzen, die sowohl konventionelle als auch nukleare Sprengköpfe tragen können.
Das macht Europa das Leben schwerer: Auch wenn die Raketen durch ihre Annäherung an die NATO-Grenzen leichter zu entdecken sind, steigt der psychologische und diplomatische Druck. Товері betont zudem die Verletzung der Logik des Vertrags über die Beseitigung von Mittel- und Kurzstreckenraketen (INF-Vertrag) — nachdem die USA 2019 aufgrund zahlreicher Verstöße seitens Russlands ausgetreten waren, hat der Westen keine entsprechenden Systeme in Europa stationiert, doch Russland zeigt einen anderen Ansatz.
Nach Angaben von LIGA.net gibt es in Belarus derzeit keine Bestätigung dafür, dass es sich genau um Abschussvorrichtungen des «Орєшнік» handelt (Meldungen von БелПол). Die Anführerin der belarussischen Opposition im Exil, Світлана Тихановська, unterstreicht, dass die Verantwortung für die Eskalation beim Regime von Lukaschenko liege.
Praktische Folgen und Empfehlungen
Für die Ukraine und ihre Partner bedeutet das mehrere konkrete Schritte: die Aufklärung und die Luftverteidigung an kritischen Richtungen verstärken, verwundbare Versorgungsketten des «Орєшнік» zu prioritären Zielen für Aufklärung und Angriffe machen und den politischen Druck auf Minsk und Moskau erhöhen.
„Die NATO muss durch Übungen und die Stationierung der nötigen Mittel klar zeigen, dass sie bereit ist, diese Abschussvorrichtungen zu vernichten. Der Bündnisrat sollte zudem Verhandlungen über den Aufbau und die Verbesserung eines eigenen nuklearen Mittelstreckenpotenzials aufnehmen.“
— Пекка Товері, ehemaliger Leiter des finnischen Militärnachrichtendienstes, EU-Abgeordneter
Fazit
Der «Орєшнік» verändert nicht die unmittelbare Frontlinie, aber er verändert den Ton der geopolitischen Debatte: Es geht nicht nur um Raketen, sondern um die Bereitschaft Moskaus, bestehende Abkommen zu missachten und Europa einzuschüchtern. Für die Ukraine ist es wichtig, sich nicht von dieser theatralischen Machtdemonstration einschüchtern zu lassen, sondern an wirklichen Abschreckungsinstrumenten zu arbeiten — von Aufklärung und Luftabwehr bis hin zu Diplomatie und Koordination mit Partnern. Analysten erwarten, dass dies zu verstärkten Manövern und Debatten in der NATO führen wird — doch das wird Zeit und politischen Willen erfordern.