Am 12. Mai stellten sich auf der Basis „Jug" in der Nähe von Bujanovic serbische und NATO-Soldaten zum ersten Mal in eine Reihe. Die offizielle Formulierung des serbischen Verteidigungsministeriums lautet „Wahrung von Frieden und Stabilität in der Region". Aber die Geografie und Chronologie der Ereignisse sprechen viel deutlicher.
26 Jahre — von Bomben zu gemeinsamen Übungen
1999 bombardierte die NATO 78 Tage lang Jugoslawien, einschließlich Belgrads. Die gleiche Operation „Vereinigte Kraft" bleibt bis heute eine offene Wunde in der serbischen Erinnerung — und wird aktiv von Moskau als Einflussinstrument auf das serbische Publikum genutzt. Nach Angaben von Al Jazeera sind die heutigen Übungen die ersten in der Geschichte des Landes und stellen eine „symbolträchtige Zusammenarbeit zwischen dem Balkan-Land und dem Bündnis dar, das seine Hauptstadt weniger als 30 Jahre zuvor bombardiert hat".
„Die Zusammenarbeit zielt auf die Wahrung von Frieden und Stabilität in der Region ab".
Serbisches Verteidigungsministerium
Wer und wo
An den Übungen sind etwa 600 Militärangehörige aus Serbien, Italien, Rumänien und der Türkei beteiligt. Als Beobachter und Stabspersonal nehmen Vertreter von Großbritannien, Deutschland, den USA, Frankreich und Montenegro teil. Die Übungen laufen bis zum 23. Mai auf dem Truppenübungsplatz „Borovac" und der Basis „Jug" — einige Dutzend Kilometer vom Verwaltungsgrenzgebiet zum Kosovo entfernt, dessen Status Serbien bis heute nicht anerkennt.
Die Übungen werden von Oberst Branislav Stevanovic, stellvertretender Kommandeur der dritten Heeresabschnitte, geleitet. Die Ebene ist taktisch, das Ziel ist der Erfahrungsaustausch.
Ein Balanceakt, der zunehmend weniger neutral wird
Serbien ist offiziell nicht Mitglied der NATO und hat keinen Beitrittsantrag gestellt. Parallel dazu unterhält Belgrad Beziehungen zu Moskau und Peking, und die Verfassung des Landes verankert militärische Neutralität. Doch gerade die Neutralität ermöglicht es Serbien, solche Übungen ohne formale Mitgliedschaftsverpflichtungen durchzuführen.
Der ukrainische Botschafter in Serbien, Volodymyr Tolkach, wies in einem Interview früher in diesem Jahr darauf hin, dass die serbische Gesellschaft unter „kollektiver kognitiver Dissonanz" leidet: Russland beruft sich traditionell auf die Bombardierungen von 1999, um die Serben von einer Annäherung an den Westen abzuhalten. Diese Übungen sind ein Signal dafür, dass die Argumentation immer schlechter funktioniert.
- Serbien ist das einzige Land des ehemaligen Jugoslawien, das noch immer nicht NATO-Mitglied ist und keinen offiziellen Kandidatenstatus hat
- Der Kosovo, dessen Unabhängigkeit Belgrad nicht anerkennt, integriert sich unterdessen aktiv in euroatlantische Strukturen
- Die Türkei und Rumänien sind NATO-Mitglieder und gleichzeitig Länder, mit denen Serbien pragmatische wirtschaftliche Beziehungen hat
Die Übungen ändern nicht den formalen Status Serbiens. Aber wenn Belgrad dieses Format fortsetzt und es auf operative Ebene ausweitet — wird die Frage nach „Neutralität" als echter politischer Position und nicht als bequeme diplomatische Konstruktion mit neuer Kraft aufkommen.