Am 8. Mai 2026 startete von der Insel Abdul Kalam im Bundesstaat Odisha die ballistische Rakete Advanced Agni-5, ausgestattet mit MIRV-Technologie – mehreren unabhängig gesteuerten Sprengköpfen. Dies ist bereits das zweite öffentlich bestätigte Testflugzeug dieser Klasse: Der erste Test, „Mission Divyastra", fand im März 2024 statt. Doch zwischen den beiden Tests gibt es einen grundlegenden Unterschied.
Die DRDO bestätigte den Start mit einer offiziellen Erklärung am 9. Mai. Das Verteidigungsministerium teilte mit, dass die Telemetrie von Boden- und Schiffsstationen die vollständige Flugbahn verifizierte – alle Sprengköpfe erreichten separate Ziele an verschiedenen Punkten des Indischen Ozeans. Die grundlegende Innovation des Tests ist die Integration von MIRV mit einem Hyperschall-Gleitflugkörper (HGV): Er manövriert in der Aufstiegsphase mit Geschwindigkeiten von über Mach 5, was eine Abwehr nach Standardalgorithmen unmöglich macht.
Was die Technologie praktisch verändert
Eine klassische ballistische Rakete folgt einer vorhersehbaren Flugbahn – deshalb haben Luftabwehrsysteme gelernt, sie zu verfolgen. Der HGV hat keine solche Bahn. Die Kombination von MIRV und HGV auf einer Plattform bedeutet, dass jede Rakete mehrere im Endphase unvorhersehbare Ziele trägt – eine Aufgabe für den Abfangjäger ist faktisch unlösbar.
„Von Prithvi zu MIRV-bewaffneten Hyperschall-ICBM in vier Jahrzehnten – das indische strategische Raketenprogramm hat erreicht, was technologische Embargos einst undenkbar machten".
gk365.in, Analyse des Tests vom 8. Mai 2026
Nach Angaben von indiandefensenews.in befinden sich bis 2026 über 50 Startanlagen vom Typ Agni-5 im operativen Bereitschaftsdienst. Jetzt könnte ein Teil von ihnen theoretisch mit der MIRV+HGV-Variante nachgerüstet werden – allerdings gibt es keine offiziellen Daten über die Serienproduktion der neuen Konfiguration.
Wem dieser Test adressiert ist
Verteidigungsminister Rajnath Singh verband das Testflugzeug mit „wachsenden Bedrohungen" für Indien – eine Formulierung ohne Namen, aber mit offensichtlichem Adressat. Wie Defence Security Asia bemerkt, werden trotz fehlender direkter Nennung Chinas die Reichweite der Rakete und die MIRV-Konfiguration auf Peking als primäres strategisches Ziel hin: Die Agni-5 deckt die tiefe Infrastruktur der VR China deutlich über das tibetische Hochland hinaus ab.
Kontext: China stellt aktiv DF-41 mit eigenen MIRV bereit, baut neue Raketensilo-Felder auf und investiert in gestaffelte Luftverteidigung. Pakistan kündigte bereits 2017 die Rakete Ababeel an – auch mit MIRV – genau als Antwort auf indische Luftverteidigungssysteme. Der Test vom 8. Mai passt in diese dreigliedrige Dynamik, in der jeder „defensive" Schritt von den Nachbarn als offensiv gelesen wird.
Was hinter den Kulissen bleibt
- Die Anzahl der Sprengköpfe auf jeder Rakete wird offiziell nicht offengelegt – die DRDO arbeitet mit dem Begriff „mehrere Sprengköpfe".
- Die operative Einsatzbereitschaft der HGV-Version ist nicht bestätigt: Der Test könnte rein forschungsmäßig gewesen sein.
- Die Nukleardoktrin „No First Use" bleibt formal gültig – aber Analytiker verzeichnen ihre immer breitere Neuinterpretation in indischen Strategiekreisen.
Indien ist das sechste Land mit bestätigter operativer Fähigkeit zur MIRV-Einsatzfähigkeit von ballistische Raketen großer Reichweite – nach den USA, der UdSSR/Russland, Großbritannien, Frankreich und China. Die Frage ist nicht, ob Peking antwortet: Es steigert bereits sein Potenzial. Die Frage ist, ob dieser Test den Verhandlungstrakt zwischen Delhi und Peking über strategische Stabilität beschleunigt – oder ihn endgültig schließt.