EU gegen sich selbst: Frankreich und Deutschland wollen Kallas' diplomatischen Dienst zerlegen, während von der Leyen ihre Befugnisse stillschweigend an sich reißt

Paris hat ein Dokument mit radikalen Reformvarianten für den Europäischen Auswärtigen Dienst vorbereitet – bis hin zur vollständigen Abschaffung des Dienstes. Hinter den Kulissen dieses Prozesses verbirgt sich eine andere Geschichte: Die Europäische Kommission engt seit Jahren systematisch den Spielraum für Außenpolitik von Kaja Kallas ein.

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Кая Каллас та Урсула фон дер Ляєн (Фото: EPA/OLIVIER MATTHYS)
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«Dysfunktion» als Vorwand

Ende Mai 2026 veröffentlichte die Financial Times einen Artikel unter Berufung auf fünf hochrangige EU-Beamte: Frankreich, Deutschland und andere Hauptstädte erörtern Optionen für eine radikale Überprüfung des Europäischen Auswärtigen Dienstes (EAD). Das Budget des Dienstes beträgt 1 Milliarde Euro pro Jahr, über 140 Missionen weltweit. Aber wie FT zitiert, «funktioniert der EAD offensichtlich nicht so, wie er in der modernen Welt funktionieren sollte. Er ist dysfunktional. Das Problem ist strukturell – daher muss die Struktur umgestaltet werden».

Die französische Regierung hat ein Analysedokument mit mehreren Szenarien vorbereitet: von der Begrenzung der Autonomie des Leiters des Dienstes bis zur vollständigen Übernahme seiner Funktionen durch die Europäische Kommission und nationale Regierungen. Die letztere Option würde die einstimmige Zustimmung aller Mitgliedstaaten erfordern – eine rechtlich komplexe Operation. Aber die bloße Existenz eines solchen Dokuments und seine Verbreitung unter den Hauptstädten signalisiert bereits: Die Unzufriedenheit hat sich angesammelt.

Kallas verteidigt sich mit einer Mitteilung an das Personal

Am 11. Juni schrieb Kaja Kallas einen Brief an alle 5.000 Mitarbeiter des EAD. Nach Angaben von Politico ist der Ton des Briefes gemäßigt, aber die Aussage ist eindeutig: Sie betonte den «Mehrwert» des Dienstes und erinnerte daran, dass «die Rollen und Verantwortlichkeiten der EU-Institutionen klar in den Verträgen festgelegt sind». Die diplomatische Übersetzung dieses Satzes ist offensichtlich – Hände weg vom EAD.

«Ich möchte betonen, welchen Mehrwert wir als Team für Europa gebracht haben – besonders in einer Zeit, in der ein umfassender Krieg den Kontinent zerstört»

Kaja Kallas, Brief an das Personal des EAD, 11. Juni 2026

Von der Leyen: Stille Übernahme ohne Abstimmungen

Die Debatte um den EAD entfaltet sich jedoch vor dem Hintergrund eines anderen Prozesses – und genau dieser erklärt, warum die Reform gerade jetzt diskutiert wird. Wie ein Analyseartikel der Irish Times im März 2026 fest­stellte, hat von der Leyen die außenpolitische Agenda der EU faktisch unter ihre Kontrolle gebracht, obwohl dies gemäß dem Vertrag die Prerogative des Hohen Vertreters ist. Früher hatte das Jacques-Delors-Institut denselben Trend festgestellt: Die Zentralisierung von Entscheidungen auf der Ebene der Kommissionspräsidentin «beraubt ihre Vizepräsidenten faktisch der im Vertrag vorgesehenen Koordinierungsfunktionen».

Parallel dazu – persönliche Misserfolge von Kallas. Nach Angaben der Irish Times lehnen es sowohl US-Außenminister Marco Rubio als auch Chinas Außenminister Wang Yi ab, sich persönlich mit ihr zu treffen. Rubio beendete die Kontakte wegen sich wiederholender eintöniger Botschaften, Wang Yi – nach dem Durchsickern von Gesprächsdetails in die Medien.

Wer und was gewinnt von der Reform

Die Interessen der Akteure sind nicht deckungsgleich:

  • Die Europäische Kommission profitiert am meisten vom Übernahmeszenario des EAD – dies ist eine institutionelle Ausweitung ohne Vertragsänderungen, falls man die «sanftere» Option der Autonomiebegrenzung wählt.
  • Frankreich spielt ein komplexeres Spiel: Paris initiierte das Reformdokument, aber der französische Außenminister Jean-Noël Barrot warnte die Kommission öffentlich davor, den EAD in ihre administrativen Strukturen aufzunehmen. Paris will eine schwächere Kallas – aber nicht eine stärkere von der Leyen.
  • Die Mitgliedstaaten sind insgesamt unzufrieden mit dem Mangel an Koordination, aber genau wegen ihrer Meinungsverschiedenheiten entstand der EAD 2010 als Kompromissarchitektur – und genau deshalb riskiert jede Reform, das gleiche Problem in neuer Form zu wiederholen.

Strukturelle Falle

Nach Schätzungen von Analysten des Schwedischen Instituts für europäische Politik war der EAD bereits vor den Skandalen in eine Budgetfalle geraten: Hohe Inflation und steigende Sicherheitsausgaben kürzten die Betriebsmittel des Dienstes, und seine «komplexe, übermäßig hierarchische Managementstruktur» machte ihn in zwischenbehördlichen Haushaltsverhandlungen anfällig. Kallas führte Sparmaßnahmen nach ihrer Amtsübernahme im Dezember 2024 ein – und das verschärfte nur das Bild der Krise.

Wie der Analyst Julien Hoez treffend in der französischen Publikation The French Dispatch bemerkt, «eine Reform, die durch Kostensenkung und Verärgerung der Hauptstädte vorangetrieben wird, statt durch strategische Logik, riskiert, die Dysfunktion noch für ein Jahrzehnt zu konservieren» – unabhängig davon, welche institutionelle Form gewählt wird.

Wenn Frankreich und die Europäische Kommission bis Ende 2026 nicht klären, wer genau das reformierte Organ kontrolliert – die Mitgliedstaaten durch den Rat oder Berlaymont durch die Kommission – könnte die Diskussion über die «Liquidation des EAD» genau dann eingefroren werden, wenn die EU am meisten eine einheitliche außenpolitische Stimme braucht.

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