Google kann Smart-Brille ohne Modemarke nicht verkaufen. Gucci ist der nächste Versuch

Kering hat die Einführung von Gucci-Brillen auf der Android-XR-Plattform im Jahr 2027 angekündigt – doch Spezifikationen, Preis und sogar der Produktname existieren bislang nicht. Das Kalkül: Das Luxus-Logo soll das erreichen, wofür die Ingenieurtechnik bislang unfähig war.

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Ілюстративне фото: Depositphotos

Google ist bereits einmal mit intelligenten Brillen gescheitert. Google Glass verschwand 2015 vom Markt — nicht wegen technischer Mängel, sondern wegen sozialer Ablehnung: Menschen mit einer Kamera im Gesicht wurden aus Bars nicht hineingelassen und „Glasshole" genannt. Jetzt kehrt das Unternehmen mit einer anderen Strategie zurück: nicht zu überzeugen, sondern anzuziehen.

Was angekündigt wurde — und was in der Ankündigung fehlt

Auf dem Capital Markets Day in Florenz am 16. April bestätigte Kering-CEO Luca Guaccio Reuters, dass das Unternehmen plant, intelligente Brillen unter der Marke Gucci in Partnerschaft mit Google zu veröffentlichen. Auf die Frage nach Zeitplänen antwortete er knapp: „Wahrscheinlich nächstes Jahr, 2027".

Die Partnerschaft zwischen Kering und Google besteht seit 20. Mai 2025 — genau dann kündigte der Konzern offiziell die Zusammenarbeit zur Entwicklung einer Brille auf der Android-XR-Plattform an. Aber die heutige Aussage von Guaccio ist die erste öffentliche Bindung an ein bestimmtes Jahr. Nach Angaben von Digital Trends existieren noch keine Spezifikationen, Preis, Funktionsbeschreibung oder auch nur ein Arbeitstitel für das Produkt. Google hat sich offiziell nicht geäußert.

„Gucci hat 105 Jahre Geschichte und muss zu seinen erkennbarsten Klassikern zurückkehren".

Luca Guaccio, CEO Kering — Reuters

Was ist Android XR und warum ist das wichtig

Android XR ist eine Plattform von Google, die auf Gemini basiert und von dem Unternehmen als erstes Android-System der räumlichen Rechner-Ära beschrieben wird. Laut Prism News sieht das Brillenkonzept eine Kamera, Mikrofone, Lautsprecher und ein optionales Display in der Linse vor — für Navigation, Echtzeit-Übersetzung, Nachrichten und Fotos.

Die ersten Brillen auf Android XR, „Project Aura", plant Google bereits 2026 auf den Markt zu bringen — in einer massiven schwarzen Kunststofffassung, die an Ray-Ban Meta erinnert. Gucci, falls das Projekt realisiert wird, wird eine Premium-Schicht über der gleichen Plattform darstellen.

Kontext: Google baut eine ganze Koalition von Marken auf

Kering ist nicht der einzige Mode-Partner von Google. Nach Angaben von Prism News hat das Unternehmen auch Abkommen mit Warby Parker und Gentle Monster geschlossen. Das Abkommen mit Warby Parker sieht Google-Verpflichtungen von bis zu 150 Millionen Dollar vor — davon bis zu 75 Millionen Dollar für die Produktentwicklung und bis zu 75 Millionen Dollar als Investition in Eigenkapital.

Der Wettbewerbsmaßstab ist Ray-Ban Meta von EssilorLuxottica: Im Jahr 2025 überstiegen die Verkäufe 7 Millionen Einheiten und verdreifachten sich im Jahresvergleich. Meta führt bereits Verhandlungen über die Erweiterung der Produktionskapazitäten auf 20 Millionen Einheiten. Nach Angaben von nss magazine zirkulieren im Medienbetrieb auch Gerüchte über eine mögliche Allianz zwischen Meta und Prada — eine weitere Marke im Kering-Portfolio.

Kerings Logik: Brillen als Krisen-Instrument

Guaccio kündigte gleichzeitig an, die operative Marge von Kering zu verdoppeln und Gucci nach mehreren Jahren schwacher Verkäufe neu zu starten. Die Wachstumsbereiche, die er separat nannte, sind Schmuck und Brillen. Smart-Brillen sind in diesem Zusammenhang nicht nur ein technologisches Experiment, sondern ein Versuch, eine neue Wachstumschance für eine Marke zu finden, die an Tempo verloren hat.

Dies ist bereits nicht die erste technologische Allianz von Gucci: Zuvor arbeitete die Marke mit Oura an einem Premium-Smart-Ring zusammen.

Das Problem, das die Marke anstelle von Google lösen muss

Wie Prism News anmerkt, kämpft die Kategorie der Smart-Brillen immer noch mit Misstrauen — Kameras, Mikrofone und ständige Verbindung rufen Assoziationen mit Überwachung hervor. Google Glass scheiterte genau hier: Die Technologie war da, die soziale Genehmigung war es nicht. Die Wette jetzt ist, dass das Gucci-Logo auf der Fassung diese Barriere dort beseitigt, wo technische Spezifikationen nicht hilfreich waren.

Der Leiter des XR-Bereichs bei Google, Shahram Izadi, charakterisiert das Projekt als „Verschmelzung immersiver Software, Mode und Funktionalität" — aber das ist vorerst nur eine Positionierungsbeschreibung, kein Produkt.

Wenn Google bis Ende 2026 „Project Aura" auf den Markt bringt und der Markt das Gerät akzeptiert, erhält Gucci eine Plattform mit nachgewiesener Nachfrage und kann vom Premium profitieren. Sollte sich die erste Generation von Android-XR-Brillen jedoch als Wiederholung des Schicksals von Google Glass herausstellen — kein Luxusmarke wird den zweiten Versuch retten.

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