Irpin verabschiedet sich wieder – aber anders. Nicht auf dem Friedhof und nicht an einem Kontrollpunkt, sondern neben der Schullfassade, wo früher ein Stundenplan und Ankündigungen hingen. Im Lyzeum Nr. 3 wurden zwei Gedenktafeln eröffnet: zur Erinnerung an die gefallenen Absolventen Mykola Shurабura und Bohdan Iwanow.
Zur Eröffnung kamen die Familien beider Helden, Pädagogen, Schüler und Einwohner. Der erste stellvertretende Bürgermeister Oleksandr Paschynskyj wählte in seiner Ansprache eine einfache Formel ohne Pathos:
«Dieser Ort erinnert sich an sie als ganz junge, gewöhnliche Irpiner Jungen mit großen Plänen und Träumen für die Zukunft. Von nun an sind ihre Namen hier für immer eingraviert als Namen derer, die ihr Leben für Freiheit und Unabhängigkeit der Ukraine gegeben haben».
Oleksandr Paschynskyj, erster stellvertretender Bürgermeister von Irpin
Eine Stadt, die den Wert jedes Namens kennt
Irpin ist kein abstrakter Symbol. Die Stadt erlebte im Frühjahr 2022 die Besatzung, wurde eine der ersten, wo die russischen Kolonnen auf dem Weg zu Kiew gestoppt wurden. Seitdem beerdigt die Gemeinde regelmäßig ihre Toten. Die Gedenkseite irpinmemory.org verzeichnet die Gefallenen namentlich – Militärs und Zivilisten. Anfang April 2026 wurde neben dem Denkmal «Na Shchyti» eine Baumallee gepflanzt: jeder Baum – für einen konkreten Namen.
Gedenktafeln an Schulen folgen einer anderen Logik der Erinnerung. Kein Friedhof und kein Park, sondern ein Ort, wo ein Mensch noch lebendig und gewöhnlich war: am Schreibtisch saß, durch Korridore lief, Prüfungen ablegte. Deshalb werden solche Tafeln anders gelesen – nicht als Grabschrift, sondern als ein Bruch zwischen «war hier» und «kehrte nicht zurück».
Eine Praxis wird zur Systemik
Die Wolhynische Gebietskommission zur Verewigung der Erinnerung an Helden verankerte bereits 2024 öffentlich das Prinzip: Gedenktafeln sollen dort entstehen, wo Menschen gelebt und gelernt haben – nicht nur an Verwaltungsgebäuden. Irpin handelt genau danach: Schulen, Fassaden, konkrete Adressen.
- Das Lyzeum Nr. 3 wurde 1957 eröffnet – ein Gebäude, älter als die unabhängige Ukraine.
- Auf seiner Fassade stehen jetzt zwei Namen von Menschen, die die Schule lebendig «kannte».
- Paschynskyj führt öffentlich Buch über solche Eröffnungen – das sind keine vereinzelten Gesten mehr, sondern bewusste städtische Erinnerungspolitik.
Die Frage ist nicht, ob man Tafeln anbringen soll – die Antwort ist offensichtlich. Die Frage ist, ob Irpin es schafft, alle seine Gefallenen zu erfassen, bevor die Namen in der administrativen Routine verloren gehen: Wenn das Register der Gefallenen ohne öffentliche Aktualisierung und Verifikation bleibt, werden die Tafeln an den Fassaden zu einer zufälligen Auswahl und nicht zu einer vollständigen Liste.