Im Pecher-Bezirk Kiews haben die Kommunaldienste mit dem Abbau der Schutzstrukturen rund um das Denkmal der Lesja Ukrainka begonnen. Dies teilte das Kulturdezernat der Kiewer Stadtverwaltung mit, berichtet UNN.
Die Entscheidung passt in eine breitere Logik: Die Stadt gibt schrittweise die Denkmäler frei, die zu Beginn der großangelegten Invasion verschlossen wurden. Zuvor wurden bereits das Denkmal der Fürstin Olha eröffnet und die Arbeiten am Denkmal des Mykola Lysenko abgeschlossen. Nach Lesja Ukrainka soll das Denkmal der Gründer Kiews im Navorytsky-Park folgen.
Warum Sandsäcke nicht mehr funktionieren
„Zu Beginn der großangelegten Invasion war der Schutz von Denkmälern durch Modularstrukturen und Sandsäcke eine notwendige Lösung. Dies ermöglichte es, die Risiken von Beschädigungen durch Trümmer und Druckwellen der damaligen Treffer zu minimieren. Nach über 4 Jahren Krieg hat sich jedoch der Charakter der Bedrohungen geändert, und damit auch die Ansätze zur Denkmalpflege", erklärte Sergij Anzhyjak, Direktor des Kulturdezernats der Kiewer Stadtverwaltung.
Die wichtigste Veränderung ist die Art der Bewaffnung. Russland setzt zunehmend ballistische Raketen und andere hochexplosive Waffen ein, die sogar Stahlbetonkonstruktionen zerstören können. Die Modularschilde, die für Trümmer und Druckwellen von 2022 ausgelegt waren, bieten gegen solche Belastungen keinen Schutzeffekt. Schlimmer noch: Bei einer starken Explosion können die Konstruktionen selbst zu einer Quelle zusätzlicher mechanischer Schäden für das Denkmal werden. Zertifizierte Schutzbauten, die Schutz vor modernen Waffen garantieren können, existieren derzeit nicht.
Die zweite Bedrohung – nicht Raketen, sondern Feuchtigkeit
Parallel zur Neubewertung der ballistischen Risiken zeigte sich ein Effekt der längerfristigen Konservierung. In den geschlossenen Strukturen sammelt sich Feuchtigkeit an, die Sandsäcke zersetzen sich, und das Fehlen von Belüftung schafft Bedingungen für Pilze und biologische Schäden. Am stärksten gefährdet sind Denkmäler aus Marmor und anderen Naturmaterialien – genau dieser Fall, bei dem der Schutz vor äußeren Bedrohungen eine innere Gefahr schuf.
„Heute ist der Schutz eines Denkmals nicht nur sein ‚Verschluss'. Es ist vor allem die Möglichkeit, seinen Zustand ständig zu kontrollieren und rechtzeitig Präventiv- und Restaurierungsarbeiten durchzuführen. Genau dieser Ansatz ermöglicht es uns, unser Kulturerbe unter Kriegsbedingungen maximal zu bewahren", betonte Anzhyjak.
Die Logik der Stadt ist verständlich: Wenn physischer Schutz vor modernen Waffen nicht garantiert werden kann und die Struktur selbst dem Denkmal schadet, ist es rationaler, den Schutz zu entfernen und zur regelmäßigen Überwachung überzugehen. Die Frage ist, ob diese Logik die Prüfung durch die Zeit besteht – falls sich der Charakter der Anschläge auf Kiew erneut ändert, ob man zu den Modularshieldern zurückkehren wird oder nach anderen Lösungen sucht.
