Am 1. Juni 2009 verschwand der Airbus A330 des Fluges Air France 447 über dem Atlantischen Ozean von den Radarschirmen, zwei Stunden nach dem Start von Rio de Janeiro. An Bord waren 216 Passagiere und 12 Besatzungsmitglieder — 33 Nationalitäten. Niemand überlebte. Die Flugschreiber wurden erst 2011 gefunden — nach einer Suchoperation über eine Fläche von 10.000 Quadratkilometern.
Was geschah in dieser Nacht
Das französische Luftfahrt-Untersuchungsbüro (BEA) stellte eine Kette von Ausfällen fest: Eiskristalle blockierten die Pitotröhren — die Geschwindigkeitssensoren am Flugzeugrumpf. Der Autopilot schaltete sich aus, die Instrumenlenanzeigen wurden widersprüchlich. Der Co-Pilot, der am Steuer saß, während der Kapitän ausruhte, reagierte falsch — er zog das Steuer zu sich heran, anstatt es wegzudrücken. Das Flugzeug geriet in einen Strömungsabriss, aus dem die Besatzung nicht mehr herausfand.
„Die Besatzung befand sich in einem Zustand der nahezu vollständigen Kontrollverluste der Situation".
Alain Bouillard, Hauptermittler der BEA
Ein kritisches Detail, das die Ermittlungen aufdeckten: Zwischen Mai 2008 und März 2009 wurden in der Air-France-Flotte neun Vorfälle mit vorübergehendem Ausfall der Geschwindigkeitsanzeige bei A330/A340 registriert. Air France kannte das Problem mit den Pitotröhren, aber wartete auf Empfehlungen von Airbus und verschob den Austausch — vergrößerte lediglich die Inspektionshäufigkeit. Nach der Katastrophe führte das Unternehmen den Austausch in seiner gesamten Flotte durch.
Gerichtsweg: Freisprechung, dann Verurteilung
Der Fall durchlief mehrere Wendungen. 2019 beschlossen die Ermittlungsrichter, die Ermittlungen ohne Anklage einzustellen. Die Staatsanwaltschaft bestritt diese Entscheidung — und 2022 standen beide Unternehmen schließlich vor Gericht. Im April 2023 sprach das Erstinstanzgericht sie frei: Die Staatsanwälte hatten nach Ansicht der Richter einen direkten Kausalzusammenhang zwischen den Handlungen der Unternehmen und der Katastrophe nicht nachgewiesen.
Am 21. Mai 2026 hob das Pariser Berufungsgericht dieses Urteil auf. Das Gericht befand Airbus und Air France für schuldig der fahrlässigen Tötung und stellte fest, dass sie „ausschließlich und vollständig" verantwortlich sind. Jedes Unternehmen erhielt eine Geldstrafe von 225.000 Euro — das Maximum, das die französische Gesetzgebung für fahrlässige Tötung durch Unternehmen vorsieht.
Für Air France, dessen Jahresumsatz in Milliarden gemessen wird, sind dies — einige Minuten Einnahmen. Aber wie France 24 anmerkt, bedeutet das Urteil für die Familien der Verstorbenen etwas anderes: Anerkennung nach fast zwei Jahrzehnten des Wartens.
Was kommt danach
Airbus hat bereits angekündigt, gegen die Entscheidung beim Kassationshof — der höchsten Gerichtsinstanz Frankreichs — Beschwerde einzureichen. In einer Mitteilung aus Toulouse erklärte das Unternehmen, dass das Urteil des Berufungsgerichts „der Position der Staatsanwaltschaft" und den Schlussfolgerungen, die sowohl 2019 als auch 2023 gezogen wurden, widerspricht. Air France hat bisher keine offizielle Stellungnahme abgegeben.
- 228 Tote — 33 Nationalitäten, größte Flugzeugunglück in der französischen Geschichte
- 17 Jahre — vom Unglück bis zur verurteilenden Entscheidung
- 225.000 € — maximale Geldstrafe für jedes Unternehmen nach französischem Recht
- Kassationshof — nächste Instanz nach Berufung durch Airbus
Sollte der Kassationshof das Urteil bestätigen, wird das französische Präzedenzfall der Unternehmenshaftung bei Flugzeugunglücken zum Maßstab für Gerichtsbarkeiten, in denen ähnliche Fälle bisher kein Gerichtsurteil haben. Sollte er es aufheben — bleibt die Frage offen, ob der Standard des Nachweises eines „direkten Zusammenhangs" für systematische technische Ausfälle ausreichend ist.