Ukrainische Drohnen über der Ostsee: Wie Russland fremde Waffen zu einem diplomatischen Problem für die NATO macht

In drei Tagen – drei Staaten, drei Verletzungen des Luftraums. Baltische Präsidenten fordern von der NATO eine Reaktion, doch die eigentliche Frage ist nicht die nach den Drohnen, sondern danach, wer tatsächlich ihren Kurs bestimmt.

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Алар Каріс, Едгарс Рінкевичс і Гітанас Науседа (Фото: Офіс президента Латвії)

Im Zeitraum vom 23. bis 25. März registrierten drei baltische Staaten innerhalb von weniger als 48 Stunden Drohneneindringungen in ihren Luftraum. Anlass für eine gemeinsame Erklärung der Präsidenten von Estland, Lettland und Litauen war eine Serie von Zwischenfällen, die eine unbequeme Frage aufwarf: Wessen Drohnen sind das – und wer bestimmt wirklich ihre Flugbahn?

Was geschah: vom Schornstein bis zum Truppenübungsplatz

Der aufsehenerregendste Vorfall spielte sich am 25. März gegen 3:43 Uhr nachts ab: Eine Drohne drang aus russischer Richtung in den estnischen Luftraum ein und schlug in einen Schornstein des Kraftwerks Auvere im Kreis Ida-Virumaa ein – weniger als 50 Kilometer vom russischen Hafen Ust-Luga entfernt, den die Ukraine in derselben Nacht attackierte. Enefit Power teilte mit: Die Leistung der Station blieb unbeeinträchtigt, es gab keine Verletzten.

Dies ist kein Einzelfall. Bereits im Sommer 2025 registrierte Litauen zwei Eindringungen von Drohnen vom Typ Gerbera russischen Ursprungs von Belarus aus – die zweite wurde auf dem Truppenübungsplatz Gaižiūnai gefunden und war mit etwa zwei Kilogramm Sprengstoff ausgestattet, etwa 100 Kilometer tief im NATO-Territorium. Im August fand man Fragmente einer ukrainischen Drohne bei Elva in Estland, im September Fragmente einer Gerbera an der Küste Lettlands.

Das technische Rätsel: Zufall oder absichtliche Abweichung?

Die offizielle Version des Westens lautet „Unglücksfall". Die ukrainische Seite räumte ein: Die Drohnen flogen auf militärische Ziele in Russland, wurden aber durch russische elektronische Kriegsführungsmittel vom Kurs abgebracht. Doch der litauische Außenminister Gabrielius Landsbergis äußerte sich deutlicher:

«Russland leitet ukrainische Drohnen absichtlich mit elektronischen Störsendern in den baltischen Luftraum um».

Gabrielius Landsbergis, Außenminister Litauens

Der lettische stellvertretende Generalstabschef Egils Ļevčinskis bestätigte: Das Objekt, das in der Region Krāslava explodierte, wurde auf dem Radar erst zehn Minuten vor dem Einschlag erfasst. «Das Gerät ist höchstwahrscheinlich vom Kurs abgekommen oder wurde durch elektronische Kriegsführungsmittel beeinflusst», sagte er. Ob dies eine Folge des Schutzes der russischen Infrastruktur ist oder einer bewussten Operation, muss noch untersucht werden.

Was Tallinn, Riga und Vilnius fordern

Die Verteidigungsminister der drei Länder und später auch ihre Präsidenten veröffentlichten gemeinsame Erklärungen mit konkreten Forderungen an die NATO:

  • die Anstrengungen zur Stärkung der mehrstufigen Luftverteidigung einschließlich des Schutzes vor UAS zu beschleunigen;
  • die Präsenz der Luftwaffe und Luftabwehrsysteme der Allianz in der Region zu unterstützen und auszubauen;
  • EU-Mittel für die Europäische Initiative zur Drohnenabwehr und das Programm Eastern Flank Watch bereitzustellen.

Gleichzeitig bestätigten alle drei Staaten ihre Unterstützung für die Ukraine und deren Selbstverteidigungsrecht – trotz der Tatsache, dass ukrainische Drohnen in den meisten neuen Zwischenfällen eine Rolle spielen. Ein Drohnenabwehrsystem, das Polen und Rumänien nach ähnlichen Zwischenfällen im Jahr 2025 bereits eingesetzt haben, fehlt im Baltikum noch immer.

Der Preis des diplomatischen Schweigens

Die praktischen Auswirkungen sind bereits spürbar: In Lettland traten nach den Eindringungen am 7. Mai die Verteidigungsministerin und Premierministerin Evika Siliņa zurück. Zum ersten Mal versteckten sich die Einwohner Vilnius' – der Hauptstadt eines NATO- und EU-Mitgliedstaates – in Tiefgaragen, als Drohnenwarnungen ertönten.

Der Direktor des estnischen Amtes für innere Sicherheit Margo Paloson formulierte die Position unmissverständlich: «Das sind die Folgen des russischen vollumfassenden Aggressionskrieges. Wir können davon ausgehen, dass es ähnliche Zwischenfälle häufiger geben wird».

Wenn die NATO die Bereitstellung von Drohnenabwehrsystemen im Baltikum bis Ende 2026 beschleunigt – bleibt die Erklärung der drei Präsidenten ein Aktenstück als diplomatischer Druck. Falls nicht, könnte die nächste Drohne über Vilnius oder Tallinn nicht mehr ein technischer Fehler, sondern ein Test dafür sein, was Artikel 5 im Zeitalter billiger Drohnen wirklich bedeutet.

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