Lwiw hat den Vertrag mit Control Process gekündigt — und stellte fest, dass die FIDIC-Schiedsgerichtsbarkeit dies bereits für rechtswidrig befunden hat

Wenige Tage vor der offiziellen Auflösung entschied ein unabhängiger Schiedsrichter der internationalen Föderation FIDIC, dass die Maßnahmen des Unternehmens „Zelene misto" den Vertragsbedingungen zuwiderlaufen. Der polnische Diplomat nutzte dies als Druckmittel – doch das Problem geht tiefer als ein diplomatischer Skandal.

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Марчін Босацький (Фото: Американська торгова палата у Польщі)

Am 23. März 2026 schickte das kommunale Unternehmen „Grüne Stadt" an das polnische Unternehmen Control Process S.A. eine Mitteilung über die Beendigung des Vertrags zum Bau einer Müllverarbeitungsanlage in Lwiw. Vier Tage vor seinem Inkrafttreten — am 5. April — entschied der unabhängige Schiedsrichter des FIDIC-Streitbeilegungsrats Antoni Edwards: die Beendigung ist rechtswidrig, Control Process bleibt der einzige rechtmäßige Auftragnehmer. Die Stadt ignorierte dies und beendete die Vereinbarung am 7. April offiziell.

Was hinter dem „unfreundlichen Schritt" steckt

Der Stellvertreter des polnischen Außenministers Marcin Bosacki reagierte in der Sendung TVP Info: Die polnische Regierung greift bereits „auf sehr hoher Ebene" ein und erwartet eine Überprüfung der Entscheidung. Aber die diplomatische Rhetorik verbirgt eine konkretere juristische Geschichte.

Das FIDIC-Schiedsverfahren stellte fest, dass die Bauverzögerungen nicht vom Auftragnehmer, sondern vom Auftraggeber selbst — „Grüne Stadt" und dem Vertragsingenieur des Unternehmens Hidroterra — verursacht wurden. Sie haben nach Ansicht des Schiedsrichters die Lieferung von Technologien und Bauprozesse unterbrochen. Die Fertigstellung des Projekts wurde entsprechend auf Dezember 2026 plus 90 Tage für Tests verschoben.

„Die Entscheidung des FIDIC DAB-Schiedsverfahrens hebt sie mit sofortiger Wirkung auf — sie bedürfen weder einer separaten Aufhebung durch den FIDIC-Ingenieur noch durch den Auftraggeber"

— Control Process S.A., offener Brief an die Abgeordneten des Stadtrats von Lwiw

Unterdessen zahlte die polnische Bank ING Bank Śląski im Februar 2026 an „Grüne Stadt" 3,664 Millionen Euro Bankgarantie — vor der offiziellen Beendigung aufgrund festgestellter Vertragsverletzungen. Die Stadt erhielt das Geld, aber die Anlage mit 80% Fertigstellung (der Auftragnehmer bestand auf 95%) nahm nie den Betrieb auf. Control Process erhielt bereits 29 Millionen Euro von der Gesamtkontraktsumme von etwa 35 Millionen Euro.

Fünf verpasste Fristen und zwei Strafverfahren

Die Chronologie des Projekts ist eine Abfolge von Terminverschiebungen: 2021, 2023, Ende 2023, Februar 2025, Oktober 2025 — keiner wurde eingehalten. Im Herbst 2025 eröffnete die Polizei zwei Strafverfahren: eines wegen möglicher Kostenaufblähung (Zahlung für ein Material bei tatsächlicher Verwendung günstigerer), ein zweites gegen Handlungen des Auftragnehmers. Beide Seiten sind gleichzeitig Ermittlungsobjekte und beschuldigen sich gegenseitig.

Im August 2025 wandten sich Abgeordnete des Stadtrats von Lwiw bereits mit einer Beschwerde gegen Control Process an Polens Premierminister Donald Tusk. Nun hat sich der Vektor des diplomatischen Drucks umgekehrt.

Was kommt als Nächstes — und was bedeutet das für den Wiederaufbau

Sadowij warnte bereits 2025: Dieser Fall „stellt eine große Frage zur Möglichkeit, dass polnische Unternehmen überhaupt an Wiederaufbauprozessen teilnehmen". Nun verbreitet die polnische Seite ein spiegelbildliches Argument — die Maßnahmen Lwiws untergraben das Vertrauen in die Ukraine als Partner.

Das praktische Problem ist konkret: Control Process hat die vollständige Projektdokumentation nicht übergeben. „Grüne Stadt" muss zunächst elektronische Dokumente wiederherstellen, die Projekt- und Kostenschätzungsdokumentation korrigieren und erst dann eine neue Ausschreibung zur Fertigstellung der Arbeiten ausschreiben. Die Anlage mit einer fünfjährigen Verspätung könnte mehrere Jahre Pause erhalten.

Der Streit wird zum ICC-Schiedsverfahren in Paris gehen — und wenn die Schiedsrichter die Position des FIDIC über die Verantwortung des Auftraggebers bestätigen, könnte Lwiw nicht nur ohne Anlage dastehen, sondern auch zur Zahlung von Schadensersatz an Control Process verpflichtet sein. Die Frage ist, ob die Stadt das Objekt mit einem neuen Auftragnehmer schneller fertigstellen kann, als das Pariser Schiedsverfahren eine Entscheidung trifft.

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