Fünf Monate — so lange brauchte das tschechische Unternehmen RegioJet, um zu verstehen: Der polnische Inlandsmarkt für Eisenbahnverkehr ist für einen neuen Marktteilnehmer geschlossen. Ab dem 3. Mai stellt das Unternehmen alle Inlandsverkehre in Polen ein und erstattet Fahrgästen ihre Tickets.
Wie alles begann — und wo es schiefging
RegioJet startete seine erste polnische Route Krakau – Warschau im September 2025. Im Dezember sollten zusätzliche Verbindungen folgen: Warschau – Danzig und Posen – Warschau. Doch bereits im November verschob das Unternehmen Posen — weil PKP Intercity ihm angeblich langsamere Zeitfenster auf denselben Routen zugewiesen haben soll, auf denen PKP selbst schneller fährt. Parallel beschwerte sich RegioJet, dass der Staatsverkehrsbetreiber Werbung des Konkurrenten auf den Bahnhöfen blockiert habe.
PKP Intercity wies beide Vorwürfe zurück und erklärte, dass man «vollständig transparent und nach höchsten ethischen Standards» arbeite. Die Regulierungsbehörde bewegte sich indes in eine andere Richtung: Am 8. April 2026 bescheinigte die polnische Eisenbahnbehörde RegioJet, Fahrgastrechte verletzt zu haben durch massenhafte Zugausfälle unmittelbar nach Markteintritt, und kündigte ein mögliches Bußgeld bis zu 2% des jährlichen Unternehmenseinkommens an.
«Leider sind wir gezwungen, unsere Aktivitäten auf dem Inlandsmarkt Polens zu beenden».
— Radim Jančura, Eigentümer von RegioJet, in einer Mitteilung an Mitarbeiter (Zitat nach Money.pl)
Was bleibt und wie geht es weiter
RegioJet verlässt Polen nicht vollständig. Internationale Routen — Warschau – Prag und Przemyśl – Krakau – Prag — bleiben in Betrieb. Das Unternehmen positioniert sich also als Transportunternehmen für Transitverkehre, verzichtet aber auf Wettbewerb im Inland.
In einer Erklärung für die polnische Presse teilte RegioJet mit, dass man «die Hoffnung und den Glauben» an die Möglichkeit eines fairen Geschäftsbetriebs in Polen aufgegeben habe, und deutete eine Beschwerde bei der Europäischen Kommission über unlautere Wettbewerbspraktiken an. Dies ist nicht der erste Konflikt in der Firmengeschichte: In Tschechien prozessiert RegioJet seit Jahren gegen den Staatskonzern České dráhy mit ähnlichen Vorwürfen.
Warum das mehr als ein Verkehrsbetreiber ist
Polen ist einer der größten Eisenbahnmärkte der EU, und PKP Intercity erhält erhebliche staatliche Subventionen. Ein Mechanismus, der verhindert, dass diese Subventionen zur Verdrängung privater Konkurrenten durch Preis- oder Betriebsvorteile eingesetzt werden, existiert faktisch nicht — oder funktioniert nicht schnell genug. RegioJet ist darauf gestoßen und hat sich zurückgezogen. Der nächste private Eisenbahnbetreiber, der versucht, auf den polnischen Inlandsmarkt zu gehen, wird diesen Präzedenzfall vor Augen haben.
- Markteintritt: September 2025
- Angegebene Hürden: langsamere Zeitfenster, Werbeverbot auf Bahnhöfen, Dominanz des subventionierten Konkurrenten
- Bußgeldandrohung durch Regulierer: bis zu 2% des jährlichen Einkommens
- Marktaustritt: 3. Mai 2026
- Nächster Schritt: mögliche Beschwerde bei der Europäischen Kommission
Falls die Europäische Kommission tatsächlich ein Verfahren gegen PKP Intercity einleitet — das würde die Spielregeln für den gesamten Eisenbahnliberalisierungsmarkt in der EU verändern. Aber falls das Verfahren über Jahre hinweg läuft, bedeutet der Präzedenzfall etwas anderes: Staatliche Eisenbahnmonopole können Konkurrenten effektiv blockieren, ohne gegen irgendeine formale Regel zu verstoßen.
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