Als Reuters berichtete, dass Berlin 40% der Anteile am deutsch-französischen Rüstungskonzern KNDS kaufen wird, wirkte die Nachricht wie ein routinemäßiges Staatsgeschäft. Doch dahinter verbirgt sich der Zerfall einer einzigartigen Eigentumsstruktur, die seit 2015 existierte.
Wer verkauft und warum
KNDS entstand 2015 aus der Fusion zweier privater und staatlicher Giganten: des deutschen Krauss-Maffei Wegmann (Hersteller des Leopard 2 und der selbstfahrenden Haubitze PzH 2000) und des französischen Nexter Systems (Panzer Leclerc, Haubitze CAESAR). Die Eigentumsstruktur war beinahe symmetrisch: Die Familie Wegmann kontrollierte 50% plus eine Aktie, der französische Staat durch die Agentur GIAT 50% minus eine Aktie.
Nun möchte sich die Familie Wegmann vollständig aus dem Geschäft zurückziehen. Dies hat den gesamten Prozess in Gang gesetzt: Ohne Käufer für ihr Aktienpaket wird kein Börsengang stattfinden. Nach Angaben von Reuters ist die Platzierung an den Börsen Frankfurt und Paris für Juni–Juli 2025 geplant, die Bewertung des Konzerns liegt bei etwa 20 Mrd. €.
Was Berlin erhält – und was es kostet
Nach Aussage eines anonymen deutschen Beamten wird der Kaufpreis an den Marktpreis gekoppelt sein, ohne irgendwelche Auf- oder Abschläge. Sollte die KNDS-Bewertung tatsächlich 20 Mrd. € erreichen, wird das 40-prozentige Paket Berlin etwa 8 Mrd. € kosten. Die Verhandlungen werden vom Wirtschaftsministerium in Abstimmung mit dem Verteidigungsministerium geführt.
Die Parität mit Frankreich ist nicht nur symbolisch: Beide Länder werden unabhängig von der Größe ihres Anteils gleiche Stimmrechte haben. Dies ist wichtig, da beide Staaten in zwei bis drei Jahren ihre Anteile auf 30% senken möchten – durch die Platzierung von Aktien am Markt.
«Das Ziel ist es, die staatliche Beteiligung im Laufe der Zeit erheblich zu verringern. Langfristig benötigen Rüstungsunternehmen in der Regel keine Mehrheit vom Staat».
Tom Enders, Vorsitzender des Verwaltungsrats von KNDS
Enders merkte dabei an, dass 80% staatliches Eigentum am Anfang möglicherweise nur ein «Startpunkt» sein könnte – und dass nationale Interessen besser durch Verträge und spezielle Vereinbarungen geschützt werden als durch einen Anteilsbesitz.
Kontext: Wiederaufrüstung als Business-Case
KNDS berichtete 2024 von Einnahmen von 3,8 Mrd. € und einem Auftragsbestand von 23,5 Mrd. € – fast ein sechsjähriges Produktionsvolumen. Nach der Invasion Russlands in der Ukraine steigen die Rüstungshaushalte in ganz Europa, und die Aktien öffentlicher Waffenhersteller erzielen Rekorde. Die Familie Wegmann hat den Moment optimal gewählt.
- Leopard 2 – Kampfpanzer, der in über 20 NATO-Ländern eingesetzt wird
- CAESAR und PzH 2000 – selbstfahrende Artilleriesysteme, die aktiv in die Ukraine geliefert werden
- Hauptquartier – Amsterdam, Produktion – München, Kassel, Versailles, Rouen
Verteidigungsminister Boris Pistorius brachte die Frage der staatlichen Beteiligung erstmals im Juli 2024 auf. Die Verhandlungen zwischen Paris und Berlin dauerten mehrere Wochen – und der Hauptstreitpunkt war nach Angaben von Reuters genau die Symmetrie der Anteile.
Was offen bleibt
Das Abkommen sichert die Parität der beiden Staaten zu Beginn, legt aber nicht fest, was nach einer Reduzierung der Anteile auf 30% geschehen wird: wer die restlichen Aktien auf dem Markt kaufen wird und ob ein dritter großer Player mit Stimmrechten auftaucht – zum Beispiel ein Staatsfonds oder eine andere europäische Regierung. Sollte der Börsengang im Sommer zu einer Bewertung von 20 Mrd. € stattfinden, würde dies einer der größten Rüstungsplatzierungen in Europa in den letzten Jahren sein – und ein Test dafür, wie bereit der Markt ist, für einen staatlich kontrollierten Vermögenswert mit begrenztem Free Float zu zahlen.