Der Winter 2024–2025 hinterließ europäische Gasspeicher auf einem Niveau von 34% — im Rahmen der Norm für die post-russisch-aggressive Ära, aber drastisch niedriger als 57% vor einem Jahr. Jetzt stellt die EU-Agentur zur Koordinierung der Energieregulierungsbehörden (ACER) fest: Eine Rückkehr zum Zielwert von 90% bis November 2025 ist unrealistisch.
Woher kommt die 10-prozentige Lücke
Nach Schätzungen von ACER wird die EU unter den aktuellen Marktbedingungen die Speicher auf etwa 80% füllen können — dies ist das offiziell zulässige Minimum, das in der EU-Verordnung für schwierige Marktsituationen vorgesehen ist. Doch selbst dieses Szenario erfordert nach ACER-Berechnungen eine Steigerung der LNG-Importe um 20% gegenüber dem Sommer 2024.
Ein paralleler Bericht von ENTSOG — dem Netzwerk der Betreiber von Gastransportsystemen — zeichnet ein noch weniger optimistisches Bild: Ohne eine Nachfragereduktion um etwa 12 Milliarden Kubikmeter könnten die Speicher im Herbst nur auf 78% enden.
«Die Speicherauffüllung in diesem Sommer wird zu erhöhten Preisen erfolgen und bleibt anfällig für plötzliche Marktschocks»
— ACER, April 2025
Warum LNG kein Retter ist, sondern eine zusätzliche Variable
Die Einstellung des russischen Gastransits durch die Ukraine seit Januar 2025 entzog dem Markt eine der wichtigsten Versorgungsquellen. Nach Daten der IEA fielen russische Rohrleitungslieferungen in die EU im ersten Halbjahr 2025 um 45% (oder 6,5 Milliarden Kubikmeter) gegenüber dem Vorjahr. Das Defizit sollte durch LNG kompensiert werden — und wird teilweise kompensiert: Die Importe stiegen im ersten Halbjahr auf Rekordwerte von 92 Milliarden Kubikmetern, 25% mehr als im Vorjahr.
Aber der globale LNG-Markt ist nicht einfach ein Hahn, den man voll aufdrehen kann. Der Wettbewerb zwischen Asien und Europa um freie Tanker hält die Preise unter Druck. Der TTF-Benchmark stieg Anfang 2025 auf €47/MWh — doppelt so hoch wie vor der Krise. Für einen durchschnittlichen Haushalt bedeutet dies Heizrechnungen, die nicht auf das «normale» Niveau zurückgekehrt sind.
Die Situation wird durch den Nahen Osten zusätzlich verkompliziert: Nach ACER-Daten könnte ein globales LNG-Defizit von 26 Milliarden Kubikmetern entstehen, wenn Katar bis Ende 2026 aus dem Markt bleibt, und Europa könnte bis zu 56 Milliarden Kubikmeter zusätzliche Spotankäufe benötigen.
Wo ist das größte Loch
Die größten Auffüllmengen in diesem Sommer werden in Deutschland, den Niederlanden, Italien und Frankreich benötigt — dort sind die Speicher am stärksten entleert. Ebendiese Länder sind die größten Gasverbraucher in der Europäischen Union, und jeder Mangel wird zuerst die Industrie und den öffentlichen Sektor treffen.
Wie Elena Marques, Ökonomin für Energiearmut am Europäischen Observatorium für Energiearmut, betonte: Die Verwundbarkeit wird nicht durch den absoluten Preis bestimmt, sondern durch die Kaufkraft — und in diesem Sinne trifft der Anstieg der Großhandelspreise überproportional stark Haushalte mit niedrigen Einkommen.
Regeln wurden bereits der Realität angepasst
Im September 2025 senkte die EU die obligatorische Mindestfüllmenge der Speicher zu Winterbeginn auf 75% — das heißt, die Norm wurde de facto dem angepasst, was erreicht wurde. Drei der fünf größten Gasverbrauchsländer des Blocks erfüllten diese Schwelle nicht.
Dies ist keine Katastrophe — aber auch nicht normal. Die Sicherheitsmarge, auf die man nach 2022 gehofft hatte, wird dünner. Wenn der Winter 2025–2026 kalt ausfällt und einer der großen LNG-Lieferanten auch nur für einen Monat ausfällt, könnte der Unterschied zwischen 80% und 90% den Unterschied zwischen einer teuren, aber bewältigbaren Heizperiode — und einer weiteren Phase der Notsparbewirtschaftung bedeuten.
Die Frage ist nicht, ob es insgesamt genug Gas gibt. Die Frage ist, zu welchem Preis und auf wessen Kosten Europa diesen Winter übersteht — wenn der globale LNG-Markt so angespannt bleibt wie heute.