Am Mittwoch kündigte ArcelorMittal Kryvyi Rih (AMKR) die Stilllegung eines Teils der Produktion an. Der Grund war weder ein Raketeneinschlag noch ein Ausfall der Umspannstation. Die ukrainische Eisenbahn hat einfach keine Waggons bereitgestellt.
Was wurde stillgelegt und warum ist das kein Peanuts
Das Hüttenwerk schaltete einen von zwei Hochöfen aus, zwei Sintermaschinen, eine Erzaufbereitungsanlage und stoppte die Rohstoffförderung im Bergbaudepartement vollständig. Offizieller Grund: systematische Lieferausfälle bei der Versorgung mit Flussmitteln (Kalkstein) durch die Eisenbahn und fehlende Züge zur Abfuhr der Fertigprodukte.
Flussmittel sind kein Hilfsstoff. Ohne Kalkstein kann ein Hochofen kein Roheisen schmelzen: Er bindet das taubes Gestein und führt es in Form von Schlacke ab. Die Stillegung eines Hochofens ist keine „teilweise Produktionskürzung", sondern ein Bruch der technologischen Kette vom Bergwerk bis zur Walzanlage.
„Diese Logistik bringt mich um, und vielleicht kann ich mein Ziel – die Rentabilität – nie wieder erreichen"
— CEO AMKR Mauro Longobardo, Interview mit Interfax Ukraine, Ende 2024
Berislav als schwaches Glied
Die Hauptlagerstätte für Kalkstein für AMKR befindet sich in Berislav in der Region Cherson. Das Unternehmen befindet sich auf dem von der Ukraine kontrollierten Gebiet, arbeitet aber nur wenige Monate pro Jahr: Es sammelt Vorräte an, die dann nach Kryvyi Rih transportiert werden. Die Logistik hängt vollständig von der Eisenbahn ab. Wenn es keine Waggons gibt – werden die Vorräte aufgebraucht und der Hochofen steht still.
Longobardo erklärte bereits Ende 2024, dass genau dieses Schema das Hüttenwerk anfällig macht: Die Produktion ist auf kontinuierliche Versorgung ausgerichtet, aber die Eisenbahn liefert sie diskontinuierlich. Im Winter wurde die Situation durch teure Elektroenergie verschärft, im Sommer durch Mangel an Rollmaterial.
Kontext: sich ansammelnde Verluste
AMKR beendete 2024 mit Verlust. Nach Angaben des CEO betrug der Anteil der Elektroenergie an den Gesamtverlusten 70%. Das Ziel für 2025 ist, zumindest die Gewinnschwelle bei einer Stahlproduktion von 2,5–2,6 Millionen Tonnen zu erreichen (gegenüber über 6 Millionen Tonnen in Vorkriegszeiten). Die aktuelle Stilllegung wirkt sich direkt auf diesen Plan aus: Jeder Tag, an dem der Hochofen stillsteht, führt zu einem Verlust von etwa 2.000–3.000 Tonnen Roheisen.
- Vor der Stillegung arbeitete das Hüttenwerk an zwei Hochöfen – zum ersten Mal seit langer Zeit;
- Hochofen Nr. 9 – der größte in Europa (5034 m³), seine Stillegung ist besonders technologisch schmerzhaft;
- Wiederinbetriebnahme nach Stillegung („Anblasen") dauert bis zu zwei Wochen und kostet erhebliche Ressourcen.
Warum „fatal" – keine Rhetorik
Der CEO bezeichnete das neue Problem als potenziell fatal für das Unternehmen. Das ist ein starkes Wort für ein Unternehmen mit einem Umsatz in Milliardenhöhe – aber es passt zur Logik vorheriger Aussagen. AMKR erhält Unterstützung von der Muttergesellschaft ArcelorMittal, doch der Konzern wird einen Verlust machenden Vermögenswert nicht endlos halten, besonders angesichts der Unsicherheit über die Dauer des Krieges.
Bei AMKR arbeiten etwa 25.000 Menschen – praktisch jeden fünften Arbeitsplatz in Kryvyi Rih. Die Schließung oder erhebliche Reduzierung des Hüttenwerks würde einen sozialen Schock bedeuten, den die Stadt in Kriegszeiten kaum ohne Folgen verkraften könnte.
Wenn die Eisenbahn die stabile Versorgung mit Waggons und Flussmitteln in den nächsten Wochen nicht wiederherstellt, könnte AMKR vor der Wahl stehen: den zweiten Hochofen einzulagern oder einen direkten Konflikt mit dem Staat um Priorität bei der Verteilung des Rollmaterials auszutragen. Hat das Kabinett einen Mechanismus, um die Eisenbahn zu zwingen, ihre Verpflichtungen gegenüber strategischen Unternehmen zu erfüllen – oder bleibt dies eine Frage von Verhandlungen ohne Garantien?