Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte nach einem Treffen mit Premierministerin Julija Swyrydenko, dass die Privatisierung der Sens Bank bis Ende 2026 ohne Verzögerungen erfolgen muss. Diese Aussage fiel vor dem Hintergrund des gravierendsten Reputationsskandals um die Bank seit ihrer Verstaatlichung.
Von der „Alfa-Bank" zum Staatsvermögen — eine kurze Vorgeschichte
Die Entscheidung der Nationalbank der Ukraine (NBU) zur Schließung der Bank fiel am 20. Juli 2023. Bereits am nächsten Tag erwarb das Kabinett ihre Anteile vom Fonds zur Garantierung von Einlagen — so wurde die ehemalige „Alfa-Bank Ukraine" von Mikhail Fridman und Petr Aven in das Staatsvermögen unter dem Namen Sens Bank umgewandelt. Der Staat präsentierte dies von Anfang an als vorübergehende Maßnahme: Gemäß einem Memorandum mit dem IWF wurde die Bank zusammen mit Ukrgasbank als Priorität für die Privatisierung bestimmt.
Was sind die „Minditch-Bänder" und warum erschweren sie den Verkauf
Am 1. Mai veröffentlichte die Ukrainska Pravda neue Fragmente der „Minditch-Bänder" — Aufzeichnungen aus dem Umfeld des Geschäftsmannes Igor Minditch. In einem Gespräch vom 9. Mai 2025 zählten der Buchhalter Minditchs, Alexander Tsukerman, und Vasyl Veselyi — eine Person, die von den Medien als inoffizieller „Aufseher" des Präsidentenbüros über die Bank bezeichnet wurde — namentlich die gewünschte Zusammensetzung des Aufsichtsrats der Sens Bank auf. 40 Tage später ernannte das Kabinett genau diese Personen.
„Jede Information in den Medien, unabhängig von ihrem Zuverlässigkeitsgrad, kann Reputationsrisiken für eine systemisch wichtige Staatsbank schaffen, die potenziell die Bedingungen ihrer zukünftigen Privatisierung beeinflussen kann"
— Sens Bank, Stellungnahme zur Agentur „Interfax-Ukraine"
Der Skandal hat bereits eine institutionelle Dimension erreicht: Eine temporäre Untersuchungskommission der Werchovna Rada lud Vertreter der NBU, des Finanzministeriums und der Bank selbst zu einer Sitzung ein. Tsukerman ist in einem Fall des Nationalen Büros für Korruptionsbekämpfung (NABU) namens „Midas" verwickelt — über informelle Einflussnahme auf Personalentscheidungen im Staatssektor.
Warum die Eile — und wohin die Eile geht
Die Privatisierung ist nicht nur ein politisches Signal, sondern auch eine Verpflichtung. Die Ukraine verpflichtete sich, den Staatsanteil im Bankensektor im Rahmen des erweiterten Finanzierungsprogramms des IWF (EFF) zu reduzieren — derzeit stehen sieben Banken unter Staatskontrolle mit einem Anteil von über 54%. Nach Angaben einer Quelle von Forbes Ukraine im Kabinett plant die Regierung, die Auswahl des Finanzberaters für den Verkauf der Bank bereits im Juni 2026 abzuschließen.
Die Internationale Finanz-Corporation (IFC) merkte an, dass eine transparente Privatisierung der Sens Bank ein entscheidendes Signal für die Rückkehr internationaler Investoren zum ukrainischen Bankensektor insgesamt sein könnte.
Käufer: Interesse ist vorhanden, aber keine Schlange
Der Gründer von Dragon Capital, Tomasz Fiala, äußerte öffentlich Interesse am Kauf der Bank — aber wie Forbes Ukraine bereits 2023 feststellte, ist Interesse nicht gleich Angebot. Nach Schätzungen gibt es derzeit noch keine Schlange echter Investoren: Potenzielle Käufer werden nicht nur durch die aktive Phase des Krieges, sondern auch durch das Reputationsrisiko der „Minditch-Bänder" abgeschreckt, das die Qualität der Unternehmensführung in der Institution in Frage stellt.
- Vermögenswert: eine der größten Banken des Landes, ehemaliges Eigentum russischer Aktionäre
- Problem: Skandal um informelle Einflussnahme auf den Aufsichtsrat — trotz offizieller Ernennungsverfahren
- Einschränkungen: Verpflichtungen gegenüber dem IWF erfordern den Verkauf, aber die Marktbedingungen garantieren keinen fairen Preis
- Risiko: eiliger Verkauf unter Druck eines Stichtags könnte einen billigeren Vermögenswert und einen schwächeren Käufer bedeuten
Die Erste Stellvertreterin des Leiters der NBU, Kateryna Rozhkova, sagte bereits im März 2025, dass die Privatisierung „in diesem Jahr unwahrscheinlich erscheint" aufgrund der Komplexität des Prozesses — und das war vor den neuen „Bändern".
Falls der Finanzberater bis Ende Juni 2026 nicht ausgewählt wird oder der Skandal um den Aufsichtsrat bei der NABU eine Fortsetzung findet, wird Selenskyjs Stichtag zu einer weiteren öffentlichen Absicht ohne Umsetzungsmechanismus — und dann wird die Frage nicht mehr um die Verkaufsfristen gehen, sondern darum, wer und zu welchem Preis bereit ist, eine Bank mit skandalöser Vergangenheit unter Kriegsbedingungen zu kaufen.