NATO-Generalsekretär Mark Rutte ist nach Schweden gereist und hat laut ausgesprochen, was man in Brüssel normalerweise hinter verschlossenen Türen bespricht: Die Hilfe für die Ukraine ist in der Allianz ungleich verteilt, und ein erheblicher Teil der 32 Mitgliedstaaten gibt dafür unzureichend aus.
Nach seinen Worten gibt es einen begrenzten Kreis von Ländern, die «ihre Möglichkeiten übersteigen» — Schweden, Kanada, Deutschland, die Niederlande, Dänemark, Norwegen sowie die nord- und baltischen Staaten. Die Daten bestätigen dies mit konkreten Zahlen: Litauen gibt 1,8% des BIP aus, Lettland — 1,53%, Schweden — 0,92%, die Niederlande — 0,78%. Zum Vergleich: Frankreich stellt 0,18% des BIP bereit, Italien — 0,12%.
Ein Vorschlag, der bereits begraben wurde
Ende April schlug Rutte bei einem geschlossenen Treffen der Botschafter der Länder der Allianz vor, folgende Norm festzulegen: Jedes NATO-Land lenkt jährlich 0,25% seines BIP zur Unterstützung der Ukraine. Wie Politico unter Berufung auf Quellen in der Allianz berichtet, entstand die Idee nicht von selbst — es ist eine Umgestaltung eines Vorschlags, den Zelenskyj bereits im vergangenen Jahr unterbreitete.
Die Mathematik sieht überzeugend aus: Das BIP der 32 NATO-Länder beträgt etwa 57,2 Billionen Dollar, das heißt 0,25% entsprechen 143 Milliarden Dollar pro Jahr. Im letzten Jahr erhielt die Ukraine von den Mitgliedern der Allianz militärische Hilfe im Wert von etwa 45 Milliarden Dollar. Die Differenz — eine Verdreifachung.
«Ruttes Vorschlag stieß auf Ablehnung in Frankreich und Großbritannien»
Politico, unter Berufung auf diplomatische Quellen bei der NATO
Nach Einschätzung von Diplomaten hat die Initiative in ihrer derzeitigen Form kaum eine Chance, beim Juligipfel in Ankara angenommen zu werden. Frankreich und Großbritannien — beide Atommächte mit Vetorecht bei Konsensentscheidungen — lehnen die verbindliche Norm ab.
Warum «0,25%» mehr als nur eine Ziffer ist
Derzeit sind die Beiträge der Länder freiwillig und unvorhersehbar. Die Ukraine kann Waffeneinkäufe für 2–3 Jahre im Voraus nicht planen, da sie nicht weiß, wie viel im nächsten Quartal kommen wird. Eine verbindliche Norm würde genau dieses Problem lösen — Stabilität und Vorhersehbarkeit des Flusses, nicht nur sein Umfang.
- Musterarbeiter (über 0,25% des BIP): Litauen, Lettland, Estland, Finnland, Schweden, Polen, Niederlande, Dänemark, Norwegen, Kanada
- Mittelmäßig (etwa Norm): Deutschland, Mehrheit Mitteleuropas
- Rückständig (erheblich unter 0,25%): Frankreich (0,18%), Italien (0,12%), Türkei (0,01%)
Rutte nannte die «Rückständigen» nicht namentlich — aber durch die Aufzählung der «Musterarbeiter» tat er dies faktisch. Öffentlicher Druck durch die Medien während eines offiziellen Besuchs in Schweden — das ist keine zufällige Offenheit, sondern eine Verhandlungstaktik.
Wenn Frankreich und Großbritannien die Norm in Ankara blockieren, kehrt die Frage zum Ausgangspunkt zurück: Sind die «Musterarbeiter» bereit, weiterhin die Untätigkeit anderer auszugleichen — oder werden sie anfangen, Unzufriedenheit offen innerhalb der Allianz selbst zu äußern.