Peter Maďar gewann die Parlamentswahlen am 12. April mit einem derart großen Vorsprung, dass er eine verfassungsmäßige Mehrheit erlangte. In Brüssel wurde dies als „besseres Ergebnis als erwartet" bezeichnet. Doch eben dieses Ergebnis erhöhte sofort die Erwartungen – und die Europäische Kommission machte dies bereits vor dem offiziellen Amtsantritt der neuen Regierung deutlich.
Was eingefroren ist und warum
Nach Angaben der Financial Times sind für Ungarn derzeit etwa 35 Milliarden Euro nicht verfügbar: Fast 18 Milliarden Euro sind aufgrund von Verstößen gegen die Rechtsstaatlichkeit und Korruptionsrisiken eingefroren, weitere über 17 Milliarden Euro sind Vorzugskredite, die ebenfalls Bedingungen erfüllen müssen. Hinzu kommt die Schuldenlast: Wegen Nichtbeachtung von Entscheidungen des EuGH in Asylsachen hat Budapest Geldstrafen von fast 900 Millionen Euro angehäuft, und die Europäische Kommission zieht diese automatisch von künftigen Zahlungen ab.
Diese Zahlen sind nicht neu. Bereits unter Orbán führte die EU einen Rechtsstaatlichkeitsmechanismus ein, dessen Wirkung sich jedoch als begrenzt erwies: Budapest lernte, die Verluste durch selektive Erfüllung der Anforderungen zu minimieren und dabei den Zugang zu alternativen Finanzierungsquellen zu bewahren.
27 Bedingungen ohne garantierte Frist
Um die Mittel zu erhalten, muss Maďar 27 Bedingungen erfüllen – von Antikorruptionsmaßnahmen bis zur Überprüfung jener Entscheidungen der Orbán-Regierung, die Brüssel als Verstoß gegen EU-Recht einstuft. Die wichtigsten Signale, auf die Diplomaten warten: Ungarn zieht sein Veto gegen das 90-Milliarden-Euro-Kreditpaket für die Ukraine zurück und unterstützt das 20. Sanktionspaket gegen Russland.
„Wir haben viele Hebel. Der Druck auf ihn – und ich denke, er möchte schnell Ergebnisse erzielen"
– Anonymer EU-Vertreter, Financial Times
Gleichzeitig bleibt der Mechanismus der Bedingungserfüllung derselbe wie bisher: Die Europäische Kommission überprüft die Reformen und entscheidet, ob der Fortschritt ausreichend ist, um Tranchen freizusetzen. Es gibt keine zeitliche Grenze, nach der das Geld „automatisch" nach Budapest fließt.
Was Maďar verspricht – und wo er Grenzen setzt
Der neugewählte Premierminister bestätigte, dass er den EU-Kredit für die Ukraine nicht blockieren wird, nannte Russland eine Sicherheitsbedrohung und kündigte erste Besuche an – in Warschau, Wien und dann in Brüssel. Er forderte sogar, die erste Sitzung des neuen Parlaments vom 12. auf den 5. Mai vorzuziehen, um möglichst schnell ein Reformpaket einzureichen.
Es gibt jedoch Grenzen, die Maďar klar definiert hat. Ungarn wird weiterhin russisches Öl kaufen – „wir werden uns nicht selbst ins Bein schießen", sagte er auf einer Pressekonferenz. Eine beschleunigte Aufnahme der Ukraine in die EU unterstützt er nicht und lässt ein ungarisches Referendum zu diesem Thema zu. Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission, die das Wahlergebnis als „außergewöhnlichen Abend" bezeichnete, begrüßte die „Rückkehr Ungarns auf den europäischen Weg" – präzisierte aber: Die Hauptphase der Annäherung werde nach dem offiziellen Amtsantritt Maďars beginnen.
Risiko der Übergansperiode
In Brüssel wird auch ein praktisches Problem registriert: Bis zur Amtseinführung der neuen Regierung behält das amtierende Kabinett Orbáns seine Befugnisse und könnte theoretisch den Start von Reformen erschweren. Aus diesem Grund beobachtet die EU nicht nur die Aussagen Maďars, sondern auch Orbáns Handlungen in den letzten Wochen an der Macht.
Ein charakteristischer Präzedenzfall: 2023 sperrte die Europäische Kommission 10,2 Milliarden Euro für Ungarn vor einem Schlüssel-Gipfel frei – in dem Moment, als Orbán sich bereit erklärte, die Hilfe für die Ukraine zu unterstützen. Das Europäische Parlament bestritt diesen Schritt vor Gericht und nannte ihn „politisch". Jetzt geht Maďar Verhandlungen im Schatten dieses Präzedenzfalls an: Wenn er die Bedingungen erfüllt und das Geld fließt – gut. Wenn die Kommission Zugeständnisse macht, bevor die Bedingungen erfüllt sind – wieder ein Skandal.
Wenn Maďar bis Ende Sommer Antikorruptionsgesetze erlässt und den Ukraine-Kredit freischaltet, wird die erste Tranche von 18 Milliarden Euro der echte Test dafür sein, ob die Europäische Kommission ihren Ansatz gegenüber Budapest wirklich geändert hat – oder erneut Zahlungen an einen politischen Moment koppelt.