Am 14. April 2025 empfängt Berlin Selenskyj zu den ersten Regierungskonsultationen zwischen der Ukraine und Deutschland seit vielen Jahren. Doch noch vor Beginn des Treffens stellte die Opposition im Bundestag eine unbequeme Frage: Wie unterscheidet sich der neue Kanzler vom alten?
«Neue Ausreden» statt Taurus
Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen, Agneszka Brügger, erklärte der Nachrichtenagentur AFP, dass die Lieferung der Marineflugkörper Taurus an die Ukraine «längst überfällig» ist. Nach ihren Worten ist Merz in der Taurus-Frage «mit all seinen Rechtfertigungen zum neuen Olaf Scholz geworden» – das heißt, er wiederholt die Rhetorik der Verzögerung, die er früher selbst kritisiert hat.
«Aufgrund des Kurses von Donald Trump und der russischen Zerstörung der Energieinfrastruktur im Winter ist die Liste der Argumente für die Lieferung von Taurus nur länger geworden».
Agneszka Brügger, stellvertretende Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Bundestag, AFP
Die Grünen sind mit 85 von 630 Sitzen im Bundestag vertreten. Sie sind zwar in der Opposition, aber die größte Partei, die öffentlich Druck auf die Regierung ausübt und dabei von einer harteren Unterstützung der Ukraine ausgeht.
Was Merz versprach und was er als Kanzler tut
Mitte April, kurz vor seiner Amtseinführung, erklärte Merz in der ARD-Sendung, dass er bereit ist, Taurus unter der Bedingung einer Abstimmung mit europäischen Partnern zu liefern. Wie Euronews berichtet, argumentierte er, dass die Ukraine «voranschreiten» müsse. Scholz hingegen lehnte bis zum Ende seiner Amtszeit die Lieferung von Raketen eindeutig ab – aus Angst vor einer Eskalation.
Nach seinem Amtsantritt wurde Merz' Position jedoch verwässerter. Nach Berichten des ZDF und der Handelsblatt leistet der Koalitionspartner SPD Widerstand gegen eine Kursänderung bei Taurus, und die Frage bleibt Gegenstand eines internen Konflikts in der Regierung.
Kontext: Was am 14. April auf dem Spiel steht
Die Konsultationen am 14. April sind das erste Format auf dieser Ebene zwischen den beiden Regierungen seit langen Jahren. Selenskyj kommt nicht nur, um Unterstützung zu erhalten, sondern auch um Signale zu erhalten: Hat sich Berlins tatsächlicher Kurs geändert, oder nur die Rhetorik?
- Taurus – ein Marineflugkörper mit einer Reichweite von etwa 500 km. Er würde der Ukraine ermöglichen, Logistik und Kommandozentralen in Russlands tiefem Hinterland zu zerstören.
- Koalitionsblock – die SPD, die Merz' Regierung angehört, hat die Ablehnung von Taurus in ihr Wahlprogramm aufgenommen.
- Präzedenzfall von Partnern – Großbritannien und Frankreich haben der Ukraine bereits ihre eigenen Langstreckenraketen geliefert. Merz berief sich in der Vergangenheit genau auf ihr Beispiel.
Das Muster, das Brügger beschreibt, ist bereits dokumentiert: Merz erklärte im Bundestag, dass er «keinen Sinn» in der Lieferung von Taurus sieht, da die Ukraine selbst Langstreckenwaffen entwickelt. Dies ist ein Argument, das er selbst früher nicht anerkannt hat.
Was kommt als nächstes
Wenn Berlin nach den Konsultationen am 14. April erneut nur allgemeine Unterstützungszusagen macht, ohne eine konkrete Entscheidung zu Taurus zu treffen – wird Brüggers Kritik neue Grundlagen erhalten. Dann stellt sich nicht mehr die Frage, ob Merz zum neuen Scholz wird, sondern ob die SPD als Koalitionspartner de facto die Kursänderung blockiert hat, die die Wähler vom neuen Kanzler erwartet haben.