Gesetz existiert, doch Anwaltschaft steht außerhalb: Wie in der Ukraine eine legale Grauzone des Einflusses auf die Macht entstand

Ab dem 1. September 2025 gilt in der Ukraine ein Lobbyismusgesetz mit öffentlichem Register — das Konzept der „Interessenvertretung" wurde jedoch bewusst ausgeschlossen. Genau in dieser Lücke sieht der Vorsitzende der Nationalen Lobbyistenvereinigung, Alexei Shevchuk, das Hauptrisiko für Transparenz.

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Als das Oberste Parlament der Ukraine im Februar 2024 das Gesetz über ehrliches Lobbyismus verabschiedete, verschwand aus dem Endtext stillschweigend ein Wort — «Advocacy». Mit ihm verschwanden auch alle Bestimmungen, die diese Tätigkeit regeln sollten. Das Ergebnis: Das Gesetz existiert, das Register funktioniert, aber ein ganzes Segment von Organisationen, die systematisch auf die Gesetzgebung einwirken, bleibt außer aller Kontrolle.

Was sich seit dem 1. September geändert hat

Am 1. September 2025 trat in der Ukraine das Gesetz «Über Lobbyismus» in Kraft, und gleichzeitig startete die NAZK das Register der Transparenz — eine offene öffentliche Plattform, die Daten über Lobbyismus sammelt und veröffentlicht. Das Register wurde zur ersten Informations- und Kommunikationssystem, das nach neuen in der Ukraine etablierten Sicherheitsstandards zertifiziert wurde — es wurde mit Unterstützung des britischen UK DIGIT-Projekts der Eurasien-Stiftung geschaffen.

Mit dem Inkrafttreten des Gesetzes sind Personen, die Lobbyismus in eigenen oder kommerziellen Interessen betreiben, verpflichtet, den entsprechenden Status zu erhalten. Dies können natürliche Personen mit voller Geschäftsfähigkeit, in der Ukraine registrierte juristische Personen und ausländische Unternehmen mit Repräsentanzen im Land tun.

Wo das Gesetz endet

Aber die Architektur des Gesetzes hat eine eingebaute Lücke. Bei der zweiten Lesung präzisierte der Gesetzgeber die Terminologie und den Geltungsbereich des Gesetzes — insbesondere wurde der Begriff «Advocacy» und die Bestimmungen, die diese Beziehungen regeln sollten, entfernt. Das bedeutet: Nichtregierungsorganisationen, Think Tanks, Branchenverbände und alle Strukturen, die sich als «Advocacy»-Organisationen positionieren, fallen nicht formal unter das Gesetz — und sind nicht verpflichtet, weder die Begünstigten noch die Finanzierungsquellen ihrer Kampagnen offenzulegen.

Genau auf diesen Punkt drängte Alexei Shevchuk, Vorsitzender des Vorstands der Nationalen Vereinigung der Lobbyisten der Ukraine (NALU). Nach seinen Angaben sollte jede Aktivität, die mit der Förderung von Gesetzesinitiativen verbunden ist, die die Struktur der Staatsbehörden ändern, klar definiert und transparent angemeldet werden — unabhängig davon, wie sie heißt.

«Heute beeinflusst in der Ukraine praktisch jeder, der die Gesetzgebungsprozesse beeinflusst, auf die eine oder andere Weise Fragen der nationalen Sicherheit und der Verfassungsordnung — bewusst oder unbewusst».

Alexei Shevchuk, Vorsitzender des Vorstands der NALU

Konflikt um den Regulator selbst

Das Problem liegt nicht nur in der Lücke des Gesetzes — sondern auch darin, wer und wie diejenigen kontrolliert, die sich dennoch registrieren ließen. Die NALU forderte die NAZK öffentlich auf, «den Druck auf den unabhängigen Lobbyistenberuf zu beenden und zu einem offenen Dialog überzugehen», wobei sie betonte, dass die Regulierung des Lobbyismus auf europäischen Transparenzstandards basieren sollte, nicht auf «manueller Marktkontrolle durch eine Staatsbehörde».

Nach Angaben von Shevchuk geben weder das Lobbyismusgesetz noch die Bestimmungen der NAZK die Befugnis, Lobbyisten zur Verantwortung zu ziehen. Gerade deshalb, wie er erklärt, wird derzeit die Bildung einer Selbstregulierungsgemeinschaft abgeschlossen, die einen separaten Wirtschaftstätigkeitscode erhält und Qualitätsstandards für zukünftige Lobbyisten der Ukraine festlegen wird.

Praktisches Problem

Die Situation wirkt paradox: Die Ukraine verabschiedete ein Lobbyismusgesetz teilweise als Anforderung für die Eröffnung von Verhandlungen über den EU-Beitritt — das Gesetz Nr. 10337 «Über ehrliches Lobbyismus» stand auf der Liste der obligatorischen Verpflichtungen für die Eröffnung von Verhandlungen über den Beitritt der Ukraine zur EU. Aber die Ausnahme der Advocacy aus dem Anwendungsbereich bedeutet, dass ein großer Teil des tatsächlichen Einflusses auf die Gesetzgebung im rechtlichen Graubereich bleibt — gerade dann, wenn externe Akteure ein besonderes Interesse an der Gestaltung der ukrainischen Agenda haben.

  • Das Register der Transparenz deckt nur offizielle Lobbyisten ab — Organisationen, die sich für einen «Advocacy»-Status entscheiden, werden darin nicht angezeigt.
  • Die NAZK hat kein Recht, auch registrierte Lobbyisten zur Verantwortung zu ziehen — im Gesetz fehlt ein Sanktionsmechanismus.
  • Der Begriff «Advocacy» wurde bewusst aus dem Gesetzestext entfernt, trotz des Widerspruches einiger NGOs bereits in der Konsultationsphase.

Das Lobbyismusgesetz funktioniert — aber wenn Advocacy-Strukturen nicht unter die Anforderung fallen, Begünstigte offenzulegen, riskiert das Register der Transparenz, ein Schaufenster für kleine Akteure zu werden, während große Einflussnahmen außerhalb jeglicher Kontrolle zirkulieren werden. Die Frage ist nicht, ob das Gesetz erweitert wird — sondern ob es politischen Willen gibt, dies zu tun, bevor die nächste Runde von Verhandlungen mit der EU diese Lücke zuerst aufdeckt.

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