Während VW 35.000 Arbeitsplätze abbaut, plant Rheinmetall eine Verzehnfachung des Umsatzes: Deutschland wechselt den Wirtschaftsmotor

Deutschlands längste Stagnation seit dem Zweiten Weltkrieg zwingt Berlin, auf den Rüstungssektor zu setzen. Das schafft Arbeitsplätze — doch Ökonomen warnen vor einer strukturellen Falle.

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Фото: depositphotos.com

Jeden Monat verschwinden in der deutschen Industrie etwa 15.000 Arbeitsplätze. Nach Angaben der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY verlor die Automobilindustrie — einstmals das Rückgrat der Wirtschaft — 2024 allein 19.000 Stellen, und die Beschäftigung fiel auf den niedrigsten Stand seit 2013. Volkswagen plant, bis 2030 35.000 Arbeitsplätze zu streichen. Ford schloss sein Werk in Saarlouis im November 2025. In der ersten Hälfte des Jahres 2025 verlor die Branche weitere 51.500 Beschäftigte.

Vor diesem Hintergrund setzt die Regierung von Bundeskanzler Friedrich Merz auf einen Kurs, der noch vor wenigen Jahren fantastisch erschienen wäre: die Umorientierung der größten europäischen Volkswirtschaft auf die Rüstungsproduktion. Nach Angaben des Wall Street Journal verwandelt sich Deutschland faktisch in eine «Waffenfabrik» — und Investoren reagieren bereits.

Risikokapital fließt dorthin, wo staatliche Aufträge sind

Fast 90% des europäischen Risikokapitals im Bereich Verteidigungstechnologien floss zu deutschen Unternehmen. Das Münchener Startup Helsing sammelte 600 Millionen Euro in einer Serie-D-Finanzierungsrunde. Quantum Systems schloss eine Finanzierungsrunde über 180 Millionen Euro ab. Nach Angaben der GTAI sammelten Rüstungs-Startups insgesamt 1,6 Milliarden Dollar im Jahr 2025 ein — 55% mehr als im Vorjahr.

Die Branchenleiterin Rheinmetall steigerte 2025 ihre Einnahmen um 29% und kündigte Pläne für ein fünffaches Wachstum bis 2030 an — auf 50 Milliarden Euro. Der Auftragsbestand des Unternehmens hat bereits 64 Milliarden Euro erreicht. Bis 2029 sollen nach Regierungsprognosen die Rüstungsausgaben Deutschlands 153 Milliarden Euro pro Jahr erreichen.

Was das für den gewöhnlichen Arbeitnehmer bedeutet

Die Rüstungsindustrie bietet bereits zwischen 200.000 und 250.000 Arbeitsplätze unter Berücksichtigung benachbarter Sektoren und erwirtschaftet etwa 47 Milliarden Euro jährliche Einnahmen. Für jemanden, der gerade seinen Job am VW-Fließband in Wolfsburg verloren hat, sieht das wie eine Chance aus — wenn er oder sie bereit ist, sich in einem Hersteller von Panzern oder bei einem Drohnenentwickler umzuschulen. Das Problem: Die Umschulung erfolgt nicht automatisch, und die Regionen, in denen sich die Autofabriken konzentrieren, stimmen nicht mit den Standorten der Rüstungsunternehmen überein.

Die Stimme des Skeptikers

«Die aktuelle Fiskalpolitik ist sozial ungerecht»: Bis 2029 könnten die Ausgaben für Sozialschutz, Schuldendienst und Rüstung zusammen alle Staatseinnahmen Deutschlands aufzehren.

Veronika Grimm, Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (»Fünf Weise«)

Grimm ist nicht allein mit ihren Bedenken. Zwei Jahre in Folge negatives Wachstum (2023–2024) haben bereits das fiskalpolitische Polster geschwächt. Die verfassungsrechtliche «Schuldenbremse», die das Haushaltsdefizit auf 0,35% begrenzt, ist formal bewahrt, aber der Sonderfonds der Bundeswehr in Höhe von 100 Milliarden Euro wurde bereits 2022 aus seinem Geltungsbereich herausgenommen — ein Präzedenzfall, der Fragen zu den Grenzen solcher «kreativen Buchführung» aufwirft.

Struktur gegen Konjunktur

Der Rüstungsboom ist in erster Linie ein staatlicher Auftrag, nicht eine Marktforderung. Die Autokrise war strukturell: Chinesische Elektroautos haben BMW und Mercedes systematisch aus Märkten verdrängt, auf denen diese Jahrzehnte dominierten. Das Rüstungswachstum hängt von politischen Entscheidungen ab — über die Dauer des Krieges in der Ukraine, über das Bedrohungsgefühl Europas, darüber, ob künftige Regierungen diesen Ausgabenschwerpunkt beibehalten.

  • Wenn Frieden in der Ukraine — wird die Nachfrage nach Waffen drastisch sinken, und neue Kapazitäten bleiben ohne Aufträge.
  • Wenn die Stagnation anhält — wird das Haushaltsdefizit Sozialprogramme unter Druck setzen, und die gesellschaftliche Unterstützung für Aufrüstung wird zu erodieren beginnen.
  • Wenn die Konversion der Autoindustrie nicht stattfindet — werden die von VW- und Ford-Kürzungen betroffenen Regionen keine neuen Arbeitsplätze erhalten, auch wenn Rheinmetall weiterhin Rekorde bricht.

Die eigentliche Frage ist nicht, ob Deutschland eine «Waffenfabrik» wird. Es wird bereits eine. Die Frage ist, ob dieses Modell Bestand hat, wenn sich die geopolitische Spannung abbaut, bevor die Autoindustrie eine neue Identität findet — und wer die Kosten des Übergangs tragen wird, wenn sich die Antwort als negativ herausstellt.

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