Auf einem Europäischen Verteidigungsrunden Tisch in Brüssel sagte Emmanuel Jakob, Präsident der Europäischen Organisation der Militärverbände und Gewerkschaften (EUROMIL), das, was viele EU-Regierungen lieber nicht aussprechen: Der Personalmangel im Verteidigungssektor ist kein lokales Problem einzelner Länder, sondern eine systemische Krise des gesamten Blocks. Und sie bedroht unmittelbar die Rüstungspläne Europas.
Geld vorhanden. Personal fehlt
Nach dem NATO-Gipfel im Haag im Juni 2025 einigten sich die Alliierten auf eine neue Schwelle — 3,5% des BIP für Verteidigung bis 2035. Nach Berechnungen von McKinsey könnten die gesamten Verteidigungsausgaben der europäischen NATO-Mitglieder bereits bis 2030 800 Milliarden Euro pro Jahr erreichen. Das Problem besteht darin, dass laut Berechnungen des Beratungsunternehmens Kearney die Erhöhung der Ausgaben selbst auf 3% des BIP 760.000 neue qualifizierte Arbeitskräfte in ganz Europa erfordert — und niemand weiß, woher man sie nehmen soll.
Die Zahlen des CEO des Personalriesen Randstad, die Fortune im Juni 2025 veröffentlichte, zeigen das Ausmaß: 25% der Verteidigungsingenieure und Techniker der EU stehen kurz vor der Rente. Die Mitarbeiterfluktuation im Sektor beträgt 13% — viermal höher als in den USA. Ingenieure gehen in die IT und Automobilindustrie, wo die Gehälter bei vergleichbaren Positionen 20–50% höher sind.
Die Front in den Fabriken
Der französisch-deutsche Hersteller KNDS, der die CAESAR-Haubitze für die Ukraine produziert, ist zur Schichtarbeit rund um die Uhr im Werk Bourges übergegangen und hat die jährliche Personaleinstellung um 50% erhöht. Doch Recruiter-Direktor Nicolas Chamussy warnte vor den Grenzen dieses Ansatzes.
«Wir sind in einer Kriegswirtschaft, aber auch in einem wirtschaftlichen Krieg. Wenn unsere Gehälter unkontrolliert wachsen — verlieren wir unsere Wettbewerbsfähigkeit»
Nicolas Chamussy, Recruiter-Direktor bei KNDS
KNDS-Vertreter Gabriel Massoni erklärte das Problem noch deutlicher: Eine Haubitze herzustellen ist nicht dasselbe wie ein Auto zusammenzubauen. Die spezifischen Kompetenzen, die die Rüstungsindustrie erfordert, sind einfach nicht in ausreichender Menge auf dem Arbeitsmarkt vorhanden.
Ein ähnliches Bild zeichnet der Verband der europäischen Luft- und Raumfahrt-, Verteidigungs- und Sicherheitsindustrie (ASD): Kritischer Fachkräftemangel in KI, Cybersicherheit, Systemtechnik und Softwareentwicklung. Das Unternehmen Leonardo mit 53.000 Mitarbeitern weltweit spricht von «wachsenden Schwierigkeiten» und betont: Das Problem liegt nicht nur im Krieg — es wird durch die rapide Digitalisierung der Branche verschärft.
Warum Regierungen schweigen
Nach Jakobs Aussage erkennen die meisten EU-Regierungen den Mangel hinter verschlossenen Türen an, vermeiden aber öffentliche Diskussionen — denn das Eingeständnis einer Personalknappheit in der Verteidigung gleichzusetzen mit der Anerkennung, dass ehrgeizige Rüstungspläne nicht mit echten Humanressourcen ausgestattet sind. Dies ist eine unbequeme Wahrheit angesichts großspuriger Zahlen über wachsende Budgets.
Analysten von EUROMIL dokumentieren in ihrem Bericht für 2025: Europa «ist auf dem Papier stärker geworden, bleibt aber in seinem menschlichen Kern zerbrechlich». Industriestrategien und Budgetverpflichtungen können den Personalmangel nicht ausgleichen — und keine EU-Beschaffungsrichtlinie wird dies lösen.
- Mitarbeiterfluktuation in der EU-Verteidigung — 13%, in den USA — etwa 3%
- 25% der Ingenieure und Techniker der Branche nähern sich dem Renteneintrittsalter
- 760.000 neue Fachleute sind erforderlich, um nur 3% des BIP-Ausgabenniveaus zu erreichen
- Bis zu 3,9 Millionen Personen — prognostizierter Mangel an technischen Talenten in der EU bis 2027 (McKinsey)
Wenn die EU kein systematisches Programm zur Ausbildung von Verteidigungsfachleuten startet — mit echter Finanzierung statt deklarativer «Qualifikationsstrategien» — riskiert bis 2030 die Hälfte der versprochenen 800 Milliarden Euro, sich in Bestellungen ohne Ausführende zu verwandeln. Die Frage ist nicht, ob das Geld reicht. Die Frage ist, ob die Jugend Polens, Frankreichs und Deutschlands bereit ist, Waffen zu bauen, statt Code zu schreiben — und was konkret die Regierungen ihnen stattdessen anzubieten haben.