Dramatische Nacht im Saal des Sicherheitsrats
Der stellvertretende Leiter des Präsidialamts, Сергій Кислиця, der im Februar 2022 ständiger Vertreter der Ukraine bei den Vereinten Nationen war, beschrieb in einem Gespräch mit BBC einen Moment, der vielen Diplomaten bis heute absurd erscheint: zu der Zeit, als die ersten russischen Angriffe bereits begonnen hatten, der UN-Sicherheitsrat formal unter dem Vorsitz Russlands stand.
Nach Angaben Kyslytzias erhielten die Delegierten im Saal bis 22:00 Uhr (New Yorker Zeit) Zusicherungen, dass es keinen Angriff geben würde. Als dann Informationen über Angriffe auf die Telefone kamen, forderte die ukrainische Delegation Erklärungen von Russland.
„Ich forderte den ständigen Vertreter der Russischen Föderation auf, Lawrow anzurufen, damit er die Situation erkläre. Aber er antwortete ganz ruhig: 'Ich werde niemanden wecken'.“
— Сергій Кислиця, stellvertretender Leiter des Präsidialamts (im Jahr 2022 — ständiger Vertreter der Ukraine bei den UN), Interview mit der BBC
Warum das wichtig ist
Dieser Vorfall hat mehrere Dimensionen. Erstens zeigt er die symbolische und praktische Kluft zwischen den Verfahrensnormen der UN und den Handlungen eines Aggressorstaates: wenn diejenigen, die den Vorsitz führen, gleichzeitig angreifen, sinkt die Wirksamkeit der Mechanismen für eine sofortige Reaktion deutlich.
Zweitens ist die bloße Tatsache, den Minister „nicht zu wecken“, nicht nur diplomatische Dreistigkeit, sondern auch ein Indikator dafür, wie der Kreml die Operation geplant hat und inwieweit internationale Formalitäten für ihn zweitrangig waren. Wie Diplomaten in New York und internationale Analysten feststellen, untergraben solche Fälle das Vertrauen in Verfahren, die eine Eskalation verhindern sollen.
Kontext — vierter Jahrestag und internationale Reaktionen
Dieses Zeugnis ertönt vor dem Hintergrund des vierten Jahrestags der großangelegten Invasion — eines Tages, an dem Weltführer nach Kiew gereist sind und europäische Partner ihre Solidarität bekräftigen. Die Erinnerung an jene Nacht unterstreicht: Kritische Sicherheitsfragen werden oft nicht auf Tribünen, sondern in Situationen entschieden, in denen Informationen über Telefone und Flure verbreitet werden.
Wie geht es weiter
Der Vorfall Kyslytzia ist nicht nur eine Chronik des Fehlverhaltens, sondern auch Anlass für praktische Schlussfolgerungen: Reichen die derzeitigen Regeln der UN aus, um auf einen Staat zu reagieren, der gleichzeitig die Verfahren nutzt und den Frieden verletzt? Analysten erinnern daran, dass Taten in Änderungen der Reaktionsmechanismen umgesetzt werden müssen und symbolische Verurteilungen in konkrete Entscheidungen der Partner und in die Reformierung der Institutionen.
Die verbleibende Frage lautet: Werden die internationalen Institutionen Lehren ziehen, damit in Zukunft ein ähnliches „Schweigen im Saal“ nicht als Deckmantel für Aggression dienen kann?