Kyrylo Budanov, kürzlich zum Leiter des Präsidentenbüros ernannt und ehemaliger Chef des GUR, gab der britischen Zeitung The Times ein Interview, das am 15. Mai veröffentlicht wurde. Der Artikel zeichnet sich nicht durch einen beruhigenden Ton aus, sondern durch eine analytische Unterscheidung, die monatelang in der Öffentlichkeit gefehlt hat: Russland kann – aber bereitet sich nicht vor.
Was vor dem 9. Mai geschah
Eine Welle von Einschüchterung begann am 6.–7. Mai – nach erfolgreichen Angriffen der ukrainischen Streitkräfte auf die Flugplätze „Schaikiw" und „Kubinka" in der Nähe von Moskau. Die russische Propaganda sprach von unvermeidlichen Schlägen mit „Oreschnik", und der Kremlin warnte eine Reihe von westlichen Ländern vor der Zweckmäßigkeit der Evakuierung ihrer Botschaften aus Kiew. Gleichzeitig lehnte die Europäische Union öffentlich eine Verringerung ihrer diplomatischen Präsenz ab.
Nach Budanovs Aussagen war die Drohung eines massiven Angriffs auf das Zentrum Kiews real insofern, als Russland wirklich bereit war, sie auszuführen – wenn die Ukraine die Parade auf dem Roten Platz behindert hätte. Das heißt, es war nicht rein propagandistisches Schauspiel, sondern bedingte Bereitschaft.
Zwei verschiedene Fragen in einem Satz
«Russland hat zweifellos die Möglichkeit, jeden Moment und auf beliebige Entfernung einen Atomschlag auszuführen. Sein Kernpotenzial ermöglicht es, eine solche Aufgabe zu erfüllen. Aber dies ist in erster Linie eine Frage des politischen Willens. Ich habe keine Anzeichen für Vorbereitungen zu einem Atomschlag gesehen. Wenn es sie gäbe, würde ich davon wissen».
Kyrylo Budanov, The Times, 15. Mai 2025
Dieses Zitat tut das, was die meisten offiziellen Stellungnahmen vermeiden: Es trennt technische Fähigkeit und politische Entscheidung. Das Erste ist unbestritten. Das Zweite ist bisher durch kein Geheimdienstsignal erfasst worden. Genau hier liegt der praktische Wert der Aussage: nicht «fürchtet euch nicht», sondern «das ist genau das, was wir verfolgen und was wir bisher nicht sehen».
Kontext: «Oreschnik» als Druckinstrument
Drei Monate zuvor – im Februar – hatte Moskau bereits eine ähnliche Welle gestartet. Dann im März, nach einem massiven Drohnenangriff auf Moskau. Jetzt – Mai. Analysten des ISW haben ein Muster registriert: Der Kremlin greifen zur «Oreschnik»-Rhetorik in kritischen Momenten, wenn ein Druckhebel erforderlich ist, nicht echte Eskalation. Am 12. Mai, bereits nach der Parade, prahlte Putin öffentlich mit dem Test der «Sarmat» und der Reichweite des «Oreschnik» – was eher als Demonstration denn als Vorbereitung gelesen wird.
Ein wichtiges Detail: Der Experte Ivan Stupak beschrieb zuvor einen echten Indikator – eine Mitteilung der US-Botschaft über erhöhte Bedrohung innerhalb von 72 Stunden. Bei der vorherigen echten Entfaltung des «Oreschnik» entließ die amerikanische Seite Personal. Dieses Mal gab es kein solches Signal.
Warum das Budanov sagt
Budanov übernahm das Präsidentenbüro im Januar 2025, nachdem er fast fünf Jahre lang das GUR geleitet hatte. Er führt gleichzeitig Friedensgespräche mit Moskau und bleibt nach seinen eigenen Worten ein Ziel für den Kremlin. Dies ist sein erster öffentlicher Auftritt in seiner neuen Rolle mit einer konkreten Geheimdienstbewertung – und er wählte ein britisches Publikum, nicht ein ukrainisches, was an sich schon ein Signal für das westliche Publikum ist.
Wenn Budanov recht hat und die atomare Bereitschaft wirklich auf einer Ebene überwacht wird, auf der «er es wissen würde» – wird die Frage eine andere: Wird dieser Indikator zuverlässig bleiben, wenn Russland absichtlich beginnt, die Vorbereitungen vor einem Geheimdienst zu verbergen, der seine Methoden kennt?